AKTIONEN | Muhammad Ali | Presseberichte
Chronologisch geordnet
2007
17. Januar 2007 | Der "Größte" feiert im kleinen Kreis | t-online.de
Als Muhammad Ali noch Cassius Clay hieß und zarte zwölf Jahre zählte, waren es weder Langeweile noch Zufall, die ihn zum Boxen verschlugen. Der schwarze Junge hatte ein festes Ziel vor Augen, als er 1954 erstmals zu Fred Stoner zum Boxtraining in seiner Heimatstadt Louisville im US-Bundesstaat Kentucky ging. Er wollte denjenigen bestrafen, der ihm sein Fahrrad gestohlen hatte. Es war der entscheidende Moment im Leben des Cassius Clay, der als Muhammad Ali zum bekannten und erfolgreichen Boxer wurde.
Spuren hinterlassen
Heute wird Ali 65 Jahre alt. Doch der "Größte", wie er sich selbst nannte, feiert klein und bescheiden. Zusammen mit Ehefrau Lonnie und engen Freunden verbringt er seinen Ehrentag zu Hause in Phoenix. Kein Empfang, keine Fernseh-Gala, keine Boxposen vor etlichen Fotografen und Kameras. Dabei würden Millionen seiner Fans auf der ganzen Welt gerne mit ihm feiern. Doch mehr als 25 Jahre Boxsport mit ungezählten Kopftreffern haben ihre Spuren hinterlassen. Seit 1982 leidet Muhammad Ali an der Parkinson-Krankheit. Seine Bewegungen sind zittrig, seine Stimme ist undeutlich und leise.
Für Aufsehen gesorgt
Im Boxring hingegen war er immer der Lautsprecher. "Ich habe die Welt durchgeschüttelt, ich bin der Größte", schrie er 1964 nach seinem ersten WM-Titelgewinn gegen Sonny Liston ins Mikrofon. Diese Show hatte sich der 1,92-Meter-Mann bei einem Wrestler abgeschaut, der damit bei Presse und Publikum für Aufsehen sorgte. Doch Clays Auftritte verfehlten zunächst ihre Wirkung. Die Fachpresse mochte den talentierten, aber selbstherrlichen Neuling der Schwergewichts-Szene nicht. "Heute Abend werden dem vorlauten Maul aus Louisville seine eingebildeten Prahlereien im Hals stecken bleiben. Dieser ärgerliche, selbstsichere Cassius geht mit einem kleinen Handicap in den Kampf. Er kann nicht so gut boxen, wie er redet", meinte Arthur Daley von der New York Times noch vor dem Titelkampf gegen Sonny Liston.
"Schwebe wie ein Schmetterling, stich wie eine Biene"
Nach sechs Runden jubelte jedoch Cassius Clay, der anschließend seinen "Sklavennamen", wie er ihn selbst nannte ablegte zum Islam wechselte und seitdem Muhammad Ali heißt. Und dieser Muhammad Ali revolutionierte mit seiner Art zu boxen seinen Sport. Die Arme hingen lässig und provozierend an der Seite, anstatt den Oberkörper abzudecken. Die Beine waren so schnell wie die Fäuste. Seine tänzelnd anmutenden Beinkombinationen, der "Ali-Shuffle", ließen alles, was er machte, leicht erscheinen. "Schwebe wie ein Schmetterling, stich wie eine Biene", war sein Motto im Ring.
Kriegsdienst verweigert
Am 10. September 1966 boxte er erstmals in Deutschland. Vor 35.000 Zuschauern verteidigte Ali zwar im Frankfurter Waldstadion gegen Europameister Karl Mildenberger seinen WM-Gürtel. Anschließend gestand er jedoch ein, dass dies sein schwerster Kampf seit dem Titelgewinn gegen Sonny Liston gewesen sei und er nie wieder gegen Mildenberger antreten werde. Ein Jahr später verlor Ali seinen WM-Titel und die Boxlizenz. Allerdings nicht durch eine Niederlage im Ring, sondern wegen der Verurteilung des Vietnamkrieges. "Ich werde mich nicht mit diesen Vietkong auseinander setzen", begründete er seine Wehrdienstverweigerung. Daraufhin wurde ihm die Boxkrone aberkannt.
"Kampf des Jahrhunderts"
Erst 1970 durfte Ali wieder boxen. Ein Jahr später bestritt er den ersten von drei legendären Kämpfen, die ihn und seine Gegner weltberühmt machten. Im "Kampf des Jahrhunderts" brachte ihm Joe Frazier die erste Niederlage bei. "Rumble in the Jungle" (Poltern im Dschungel) hieß es dann am 30. Oktober 1974, als sich Herausforderer Ali und Weltmeister George Foreman in Kinshasa gegenüberstanden. Favorit Foreman hatte alle 40 vorherigen Kämpfe gewonnen, 37 davon vorzeitig. Ali überraschte jedoch wie schon zehn Jahre zuvor gegen Sonny Liston alle, vor allem seinen Gegner. «Ist das alles, was du kannst George?", fragte er Foreman nach jedem Treffer. In der achten Runde schlug Ali den Titelverteidiger K.o. und holte sich zum zweiten Mal den WM-Gürtel.
Kampf abgebrochen
Diesen verteidigte er im so genannten "Thrilla in Manila" am 1. Oktober 1975 gegen Joe Frazier. Dieses Duell gilt bis heute als eines der brutalsten in der Geschichte des Schwergewichts-Boxens. Denn beide Kontrahenten waren nicht nur im Ring erbitterte Feinde. "Frazier ist zu hässlich, um Weltmeister zu sein", hatte Ali getönt. Frazier wiederum, der Ali immer nur Cassius Clay nannte, kündigte an, seinen Gegner nicht nur ausknocken, sondern ihm das Herz herausnehmen zu wollen. Als Fraziers Augen nach der 14. Runde zugeschwollen waren, brach der Ringarzt den Kampf ab. Ali konnte sich jedoch nicht über seinen Triumph freuen, denn er erlitt noch im Ring einen Kreislaufkollaps.
2006
23. Dezember 2006 | "Großmaul der Liebe" | taz
Der Größte aller Zeiten macht sich Gedanken über die Liebe. Muhammad Ali und sein Leben in Spruchweisheiten
Er mag sich, nein, er liebt sich. Muhammad Ali hat - assistiert von Tochter Hana Yasmeen Ali (oder war es umgekehrt?) - ein Buch über die Liebe geschrieben. Es geht um die Liebe zu Gott und um die zu den Mitmenschen. Vor allem aber geht es um die Liebe zum Größten, zu Ali selbst. Natürlich ist auch vom Boxen die Rede. Ein Sportbuch im eigentlichen Sinne hat Ali dennoch nicht geschrieben. Vor allem aber ist es ein Werk voller Ratschläge. "Die Welt wäre ein viel besserer Ort", schreibt Ali, "wenn jeder hier auf Erden versuchen würde, seinen Mitmenschen so zu lieben, wie man mich liebt."
Muhammad Ali, der vielerorts als bester Boxer aller Zeiten verehrte Ex-Champion, hat seine Gedanken zum Leben formuliert. Ali, das Großmaul, der seine Gegner vor den Kämpfen mit üblen Sprüchen traktiert hat, präsentiert sich als weiser Mann "Mit dem Herzen eines Schmetterlings", so der Titel seiner gesammelten Lebensweisheiten. Er ist zum leisen Großmaul der Liebe geworden.
Schon früh, als Kind noch, will er gespürt haben, dass Gott etwas besonderes mit ihm vorhatte. Die Frage nach dem Sinn des Lebens stellte er sich bald nicht mehr: "Ich hatte das Gefühl, dass ich aus einem besonderen Grund auf der Welt war." Er schreibt, dass er sich früh vorgenommen habe, ein Vorbild zu werden, ein schwarzes Vorbild. Denn die habe es bis zu seinem Aufstieg zum Superstar nicht gegeben. "Es gab keine Helden, die aussahen wie wir." Ali wuchs in den 50er-Jahren in Louisville (Kentucky) auf, in den Zeiten der Rassentrennung. Der kleine Ali fragte sich, ob denn Schwarze auch in den Himmel kämen, und gab sich zur Antwort: "Wenn die weißen Engel in den Himmel kommen, dann bereiten die schwarzen Engel in der Küche Milch und Honig für sie vor."
Geschichten dieser Art erzählt Ali viele. Sie sorgen dafür, dass sein Buch mehr ist als eine Ansammlung von schwülstigen Aphorismen der Liebe zwischen den Menschen dieser Erde und zu ihm. Es ist ein Dokument des Ringens um Anerkennung, der Reise eines schwarzen Jungens vom Rand der Gesellschaft auf den Gipfel des Ruhms. Es ist der Rückblick eines Rebellen, der vom Präsidenten der Vereinigten Staaten ins Weiße Haus eingeladen wurde und sich doch nicht hat vereinnahmen lassen.
Ali wurde Mitglied der "Nation of Islam". Dafür muss er sich noch heute rechtfertigen. Elijah Mohammed, ein wortgewaltiger Prediger der Organisation, bezeichnete die Weißen als Teufel. Muhammad Ali war einer seiner Anhänger. Heute weist der Konvertit zum Islam, der drei Jahre lang nicht kämpfen durfte, weil er aus religiösen Gründen den Dienst an der Waffen verweigerte, weit von sich, dass er je gehasst hat. "Ich war nur stolz darauf, der zu sein, der ich war", schreibt er. Der Moslem Ali ist ruhiger geworden. Heute folgt er "den Hauptströmungen des sunnitischen Islam".
Und er kommt ganz sanft daher. Als Moslem gibt er in Zeiten des Krieges den guten Amerikaner. Er reist nach Afghanistan und freut sich, dass Präsident Hamid Karsai ihn bittet, er möge doch für immer bleiben. Er trifft sich mit dem Dalai Lama - auf Augenhöhe. Eines der Gedichte im Buch, in denen Alis Weisheiten nicht gerade lyrisch, aber immerhin in Reimform aufbereitet werden, beginnt mit den Worten: "Neben dem großen Mann dort steht ein anderer."
Ja, er fühlt sich immer noch groß. Lange Zeit fiel es ihm schwer, seine Krankheit - Ali leidet am Parkinson-Syndrom - zu akzeptieren. Er schreibt, dass er auch diesen Kampf für sich entschieden hat. Denn: "Ich sehe immer noch gut aus."
ANDREAS RÜTTENAUER
Muhammad Ali: "Mit dem Herzen eines Schmetterlings". Bastei Lübbe 2006, 302 Seiten, 8,95 €
taz Nr. 8159 vom 23.12.2006, Seite 15, 122 Kommentar ANDREAS RÜTTENAUER
2005
18. Dezember 2005 | "Muhammad Ali mit Friedensmedaille ausgezeichnet" | DIE WELT.de
Die Box-Legende wurde für seine Verdienste um Frieden und Völkerverständigung von der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen geehrt
Berlin - Für seine Verdienste um Frieden und Völkerverständigung ist Box-Idol Muhammad Ali als erster Sportler mit der Otto-Hahn-Friedensmedaille in Gold ausgezeichnet worden. Der dreifache Schwergewichts-Weltmeister nahm die Medaille am Samstagabend in Berlin von der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen entgegen und wurde mit stehenden Ovationen gefeiert. Laudator Jan Philipp Reemtsma lobte, Ali habe geholfen, „die Welt besser zu machen“. Anschließend schaute sich Ali den Boxkampf seiner Tochter Laila an.
Er hat seine Schlagkraft verloren, seinen Charme jedoch nicht: Vor 23 Jahren wurde bei Ali Parkinson diagnostiziert, die Krankheit hat die Sportlerlegende sichtlich geschwächt. Bei der Verleihung der Friedensmedaille wurde der 63-Jährige von Helfern auf die Bühne geführt, wo er die Auszeichnung aus den Händen von Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit entgegennahm. Die Dankesrede hielt Alis Ehefrau Lonnie, der Champion verfolgte ihre Ansprache mit gesenktem Kopf. Er selbst spricht schon lange nicht mehr zu Publikum.Die Gäste reagierten sichtbar gerührt auf den Auftritt des Boxers und spendeten minutenlang Applaus. Die Friedensmedaille erhielt Ali für „sein Engagement im Dienste der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung und der weltweiten kulturellen Emanzipation der Schwarzen sowie seinen Einsatz als UN-Friedensbotschafter“.
Die Medaille wurde zum zehnten Mal vergeben
Die Medaille stiftete Dietrich Hahn in Gedenken an das humanitäre und pazifistische Engagement seines Großvaters, des Physikers und Nobelpreisträgers Otto Hahn. Ali ist der zehnte Träger der Medaille, die vor ihm unter anderem Michail Gorbatschow, Hans Koschnick und Lord Yehudi Menuhin erhielten.
Tosender Applaus brandete auch in der ausverkauften Max-Schmeling-Halle auf, als Ali dort eine Stunde vor Mitternacht eintraf. Die Zuschauer erhoben sich von ihren Plätzen und verfolgten, wie der Boxer in Begleitung seines langjährigen Freundes Howard Bingham und seiner Frau Lonnie mit einem Elektro-Mobil zum Ring gefahren wurde. Begleitet von Box-Promoter Don King und Prominenten-Bodyguard Ahmad Mohammed bahnte sich Ali die letzten Meter zu seinem Sitzplatz.
Tochter Laila besiegt Schwedin Sandell
Sichtlich begeistert wartete Ali dann auf den Kampf seiner Tochter Laila gegen die Schwedin Asa Maria Sandell, die das Vorprogramm der Schwergewichts-WM bestritten. Der Vater erlebte eine Tochter, die ihm alle Ehre machte. Der Kampf wurde in Runde fünf wegen technischem K.O. abgebrochen, nachdem Sandell viele harte Treffer einstecken mußte: Laila Ali hatte ihren 22. Fight in Folge gewonnen. Rührende Bilder gab es anschließend zu sehen, als Ali seine Tochter stolz an sich drückte.
Der Gewinn der Goldmedaille bei den Olympischen Spielen 1960 hatte Alis Profikarriere eingeläutet. Als er 1981 zurücktrat, hatte er 56 Kämpfe gewonnen - 37 davon durch K.O. - und nur fünf verloren. 1964 trat der Boxer zum Islam über und änderte seinen Namen von Cassius Clay in Muhammad Ali
14. Mai 2005 | "Das Herz eines Boxers kennt mehr als nur eine Liebe" | DIE WELT.de
Gott ist größer als der Größte: Was Muhammad Ali auch außerhalb des Rings zur Ikone qualifiziert von Holger Kreitling
Alles an Muhammad Ali drängt zum Exorbitanten. Die Leistung. Die kulturelle Bedeutung. Das globusumspannende Interesse an seiner Person. Die Inszenierung. Und weil wir heute dazu neigen, die Tragik des an Parkinson leidenden Champions zu sehen, muß man vielleicht daran erinnern, daß Ali über lange Jahre ein lustiger, alberner, sehr großspurig auftretender Mensch war. Einer, der für einen Gag seine Großmutter verkaufen würde und deshalb als Sportler zumindest in Deutschland lange nicht für voll genommen wurde - ein bißchen wie der Tennisspieler John McEnroe.
Wenn man das Buch "Die großen Jahre" durchblättert, mit Aufnahmen der Magnum-Fotografen, dann tritt einem neben dem selbstbewußten Sportler, der schwarzen Schönheit, der Pop-Ikone vor allem der Komiker Ali entgegen. Eben noch steht er mit nacktem Oberkörper auf einer Mauer und hebt triumphierend die Fäuste, im nächsten Bild springt er herunter, reißt die Augen auf wie ein Clown. Ali lacht. Ali scherzt. Ist sich für keinen visuellen Witz zu schade - auch für die fotografische Wirkung hatte er stets ein hervorragendes Auge.
1966 also besuchte er die Dreharbeiten zu "Das Dreckige Dutzend", Robert Aldrichs Film über Gefangene, die ein Todeskommando im Zweiten Weltkrieg übernehmen, ein Film, der - wie man in "Schlaflos in Seattle" lernen kann - Männer immer zum Weinen bringt.
Ali muß sich das alles angeschaut haben, und dann kam ihm eine Biene in die Quere. Und weil Journalisten dabei waren - Journalisten waren immer dabei -, fürchtete er sich arg vor der Biene. Fuchtelte mit den Armen. Verzog das Gesicht. Der Mann, der den Satz "Schweben wie ein Schmetterling, stechen wie eine Biene" berühmt gemacht hat, spielte übertriebene Angst vor dem Wappen-Tierchen. Keine lärmende Presseaktion ohne Ironie.
Der Weg vom Zampano zum mythisch umwehten Weisen ist erstaunlich. Im Herbst soll in Louisville, Kentucky, wo der Boxer 1942 als Cassius Marcellus Clay geboren wurde, das Muhammad Ali Center eröffnet werden. Ein internationales Kulturzentrum, Museum, Lehrstätte, die jenseits der Sportgeschichte den Ruhm und die Ideen des Namensgebers weitertragen soll. "Eigentlich wird das Muhammad Ali Center überlebensgroß sein, so wie der Gründer selbst, der Größte." Hier wird es Botschaft en masse geben: In sechs Pavillons sollen unter anderem "Mut, Überzeugung, Freigebigkeit, Spiritualität" dargestellt werden. Das Center möchte für "Respekt, Hoffnung, Verständnis" werben und "Erwachsene und Kinder überall inspirieren, das Beste aus sich zu machen." Dazu gehören keine Jabs und Punches, sondern Konfliktlösungstechniken, Religion und Philosophie.
Auf der Internet-Seite "www.alicenter.org" taucht die Biene wieder auf. "Float like a butterfly, sting like a bee" stammt von Bundini Brown, der den jungen Clay seinem Idol Sugar Ray Robinson vorstellte und dann zur Entourage gehörte. Im "Rap Room" der Webseite gibt es die Abteilungen "Bee-n-the-know" und "Bee-n-formed". Überhaupt sollen Kinder wie fleißige Bienen Informationen sammeln, auf Bildung wird großen Wert gelegt. Die Online-Spiele von Muhammad Ali handeln ebenfalls nicht vom Boxen, sondern von Politik, Gesellschaft, Bürgerrechten, Staatenkunde. Wer die richtigen Antworten hat, baut etwa eine Brücke für einen Zug, den "Vielfalts-Express", zusammen. Wenn die Fragen falsch sind, fällt der Zug die Klippe herunter.
Diese Mischung aus religiöser Überzeugung, politischer Abgeklärtheit und Sendungsbewußtsein ist für einen Sportler sicher einzigartig. Wäre es glaubhaft, wenn Michael Jordan, Franz Beckenbauer, David Beckham - Beispiele weltweit bekannter Sportler - sich so wie Ali um Bildung kümmerten? Einer der großen Gegner, George Foreman, grinst einem derzeit aus den Haushalts-Prospekten entgegen. Der Boxer reckt die Fäuste für den "George Foreman Grill Mega-Family-Size" hoch. Mit schräg gestellter Grillfläche, damit das Fett abläuft, Antihaft-Beschichtung und regelbarer Temperatur. In der Version "Double Knockout" wird auch noch das Weißbrot warmgehalten.
Spätestens seit Ali 1996 das Olympische Feuer in Atlanta anzündete, stehen sein zitternder Körper und das maskenhafte Gesicht für durchgeistigte Friedensbereitschaft, für kontinentübergreifendes Verständnis. Ali trotzt der Krankheit in Würde. Aber er scheint sich dem Tod nahe zu fühlen. Seine letzten Statements sind Nachrufe, Würdigungen von Johannes Paul II. und von Max Schmeling. Und ein warmherziger Text für die Opfer des Tsunami.
"Ihr habt nur ein paar Boxkämpfe gesehen und ein bißchen Selbstdarstellung. Nach meinem Rückzug aus dem Boxsport begann für mich erst die wirkliche Arbeit. Jetzt hatte ich die Zeit, meinen Geist zu entwickeln." So beginnt Muhammad Ali seine spirituellen Memoiren. Seine Tochter Hana Yasmeen Ali hat unter dem Titel "Mit dem Herzen eines Schmetterlings" Texte, Notizen, Aphorismen gesammelt. Der Schmetterling ist also da. Aber keine Biene, die sticht.
Dafür Gedichte. Die witzigen Reime, eine frühe, wegweisende Form des Rap, schrieb Ali vor den Kämpfen, und meist kündigte er an, in welcher Runde er den Kampf gewinnen wollte. Das erste stammt von 1962 zum Kampf gegen Archie Moore, Ali war 20 Jahre alt. "Kommt ihr zu dem Kampf, / Verstopft nicht die Gänge, / Verstopft nicht die Tür. Ihr dürft alle nach Hause / nach Runde vier."
Er verhöhnte seine Gegner mit Gedichten, riß unablässig Witze über sie. David Remnick hat es in seinem schönen Buch "King of the World" als Alis Strategie gedeutet, mit der eigenen Angst umzugehen. Über Joe Frazier, seinen wichtigsten Gegner, spottete er so oft und verletzend, daß eine echte Feindschaft entstand. Den Gleichklang Gorilla/Manila verwandte Ali noch lange nach dem Kampf in Manila 1975. Ali entschuldigte sich später, aber Frazier akzeptierte es nicht, grollte, spottete im Fernsehen über Alis Krankheit. Im Buch ist ein Gedicht abgedruckt, eine Abbitte im Balladenton: "Der stumme Krieger". Da heißt es am Ende: "Frazier war kein Mann von vielen Worten /Alis Mundwerk stand nie wirklich still, /Auch er fand seinen Platz in der Geschichte. Nun drückt sein Herz aus, was er sagen will."
Ali erzählt viel vom Islam, der ihn formte. Er zitiert Sufi-Weisheiten. Es ist oft vom Leben die Rede, vom gewaltlosen Weiterleben, von der Kraft der Religion, von Verständnis, vom Verzeihen. Manche Aussagen sind unfreiwillig komisch: "Ich habe gesagt, ich sei der Größte. In Wirklichkeit ist allein Gott der Größte." Seine Tochter hat ein paar Erzählungen beigefügt, die verdächtig nach Heiligenlegenden klingen.
Ali selbst läßt sein Leben Revue passieren, erzählt die alten, oft gut erfundenen Geschichten. Wie er mit zwölf Jahren zum Boxen kam, weil sein Fahrrad geklaut wurde. Wie Sugar Ray Robinson ihn nicht wahrnahm, als der Junge ein Autogramm wollte. Wie er die Olympiamedaille in den Ohio warf, weil ihm auch als goldgekröntem Schwarzen 1960 kein Vanilla-Milkshake serviert wurde. Über seinen Olympia-Auftritt von 1996 schreibt Ali: "Es war schon so lange her, daß ich das Brüllen der Menge im Stadion gehört hatte." Später sitzt er im Hotel und kann die Fackel nicht loslassen.
Was sind die großen Leistungen dieses Mannes? Sicher die triumphale Verkörperung eines neuen, schwarzen Selbstbewußtseins. Und die Verklammerung von Sport und Ästhetik zum popkulturellen Gesamtkunstwerk. Aber auch der Ali-Shuffle gehört dazu: sein Tanz im Ring, diese unübertroffene Mischung aus Leichtfüßigkeit und beharrlicher Kraft. Und das Rope-a-dope, Alis späte Verteidigung in den Seilen, die Verbindung von Technik, Stil, Strategie. Davon ist in "Mit dem Herzen eines Schmetterlings" kaum die Rede.
Wer sich für den Sportler interessiert, nimmt vielleicht doch einen Umweg. Der kanadische Journalist Stephen Brunt hat für sein Buch "Facing Ali" mit 15 seiner Gegner gesprochen. Ihr Andenken, ihre Bedeutung haben die meisten der Boxer nur noch, weil sie gegen Ali gekämpft haben, und so entstehen diese wehmütigen, oft melancholischen und schmerzhaften Geschichten, die das Boxen begleiten. Joe Frazier sitzt verbittert in seinem Gym in Philadelphia. Er fühlt sich verkannt. Während über Ali preisgekrönte Dokumentarfilme und Spielfilme gedreht werden, ein 34 Kilo schweres Buch namens "G.O.A.T." erscheint, wird er, Ex-Weltmeister, Sieger über Ali 1971, mißverstanden, manchmal verachtet. Immer wieder bricht es aus ihm heraus. "Ich bin es so Leid", brummt er am Schluß.
Der Deutsche Jürgen Blin, der gegen Ali in Hamburg 1971 in der siebten Runde k.o. ging, war Schlachtermeister in einer Wurstfabrik. Obwohl Ali untrainiert war, sagt Blin: "Ich wußte, daß ich nicht gewinnen konnte. Na ja, vielleicht wenn Ali über seine Füße gestolpert wäre." In der Woche nach dem Kampf war er wieder in der Wurstfabrik. An seinen späteren Europameistertitel erinnert sich heute niemand mehr, sagt Blin.
Mit Karl Mildenberger ist es ähnlich. In einem grotesken Auftritt versucht sein Manager, Mildenberger zum PR-Objekt zu machen, um eine Biographie zu lancieren. Nach einer Weile stoppt ihn Mildenberger leise: "Es ist mehr als 30 Jahre her."
Seine größten Leistungen, schreibt Ali am Schluß seiner Memoiren, habe er außerhalb des Rings erbracht. Das mag er so sehen. Doch wann immer er in der Öffentlichkeit auftritt, hebt er, mühsam, aber stolz, die Fäuste. Es schmälert sein Werk und sein Nachwirken kaum, wenn man sagt, daß er im Ring noch fabelhafter war.
Muhammad Ali: Mit dem Herzen eines Schmetterlings. Ehrenwirth, Bergisch-Gladbach. 302 S., 18 EUR. Muhammad Ali: Die großen Jahre. Knesebeck, München. 160 S., 29,95 EUR. Stephen Brunt: Facing Ali. Lyons Press, New York. 303 S., ca. 17 $
Ali muß sich das alles angeschaut haben, und dann kam ihm eine Biene in die Quere. Und weil Journalisten dabei waren - Journalisten waren immer dabei -, fürchtete er sich arg vor der Biene. Fuchtelte mit den Armen. Verzog das Gesicht. Der Mann, der den Satz "Schweben wie ein Schmetterling, stechen wie eine Biene" berühmt gemacht hat, spielte übertriebene Angst vor dem Wappen-Tierchen. Keine lärmende Presseaktion ohne Ironie.
Der Weg vom Zampano zum mythisch umwehten Weisen ist erstaunlich. Im Herbst soll in Louisville, Kentucky, wo der Boxer 1942 als Cassius Marcellus Clay geboren wurde, das Muhammad Ali Center eröffnet werden. Ein internationales Kulturzentrum, Museum, Lehrstätte, die jenseits der Sportgeschichte den Ruhm und die Ideen des Namensgebers weitertragen soll. "Eigentlich wird das Muhammad Ali Center überlebensgroß sein, so wie der Gründer selbst, der Größte." Hier wird es Botschaft en masse geben: In sechs Pavillons sollen unter anderem "Mut, Überzeugung, Freigebigkeit, Spiritualität" dargestellt werden. Das Center möchte für "Respekt, Hoffnung, Verständnis" werben und "Erwachsene und Kinder überall inspirieren, das Beste aus sich zu machen." Dazu gehören keine Jabs und Punches, sondern Konfliktlösungstechniken, Religion und Philosophie.
Auf der Internet-Seite "www.alicenter.org" taucht die Biene wieder auf. "Float like a butterfly, sting like a bee" stammt von Bundini Brown, der den jungen Clay seinem Idol Sugar Ray Robinson vorstellte und dann zur Entourage gehörte. Im "Rap Room" der Webseite gibt es die Abteilungen "Bee-n-the-know" und "Bee-n-formed". Überhaupt sollen Kinder wie fleißige Bienen Informationen sammeln, auf Bildung wird großen Wert gelegt. Die Online-Spiele von Muhammad Ali handeln ebenfalls nicht vom Boxen, sondern von Politik, Gesellschaft, Bürgerrechten, Staatenkunde. Wer die richtigen Antworten hat, baut etwa eine Brücke für einen Zug, den "Vielfalts-Express", zusammen. Wenn die Fragen falsch sind, fällt der Zug die Klippe herunter.
Diese Mischung aus religiöser Überzeugung, politischer Abgeklärtheit und Sendungsbewußtsein ist für einen Sportler sicher einzigartig. Wäre es glaubhaft, wenn Michael Jordan, Franz Beckenbauer, David Beckham - Beispiele weltweit bekannter Sportler - sich so wie Ali um Bildung kümmerten? Einer der großen Gegner, George Foreman, grinst einem derzeit aus den Haushalts-Prospekten entgegen. Der Boxer reckt die Fäuste für den "George Foreman Grill Mega-Family-Size" hoch. Mit schräg gestellter Grillfläche, damit das Fett abläuft, Antihaft-Beschichtung und regelbarer Temperatur. In der Version "Double Knockout" wird auch noch das Weißbrot warmgehalten.
Spätestens seit Ali 1996 das Olympische Feuer in Atlanta anzündete, stehen sein zitternder Körper und das maskenhafte Gesicht für durchgeistigte Friedensbereitschaft, für kontinentübergreifendes Verständnis. Ali trotzt der Krankheit in Würde. Aber er scheint sich dem Tod nahe zu fühlen. Seine letzten Statements sind Nachrufe, Würdigungen von Johannes Paul II. und von Max Schmeling. Und ein warmherziger Text für die Opfer des Tsunami.
"Ihr habt nur ein paar Boxkämpfe gesehen und ein bißchen Selbstdarstellung. Nach meinem Rückzug aus dem Boxsport begann für mich erst die wirkliche Arbeit. Jetzt hatte ich die Zeit, meinen Geist zu entwickeln." So beginnt Muhammad Ali seine spirituellen Memoiren. Seine Tochter Hana Yasmeen Ali hat unter dem Titel "Mit dem Herzen eines Schmetterlings" Texte, Notizen, Aphorismen gesammelt. Der Schmetterling ist also da. Aber keine Biene, die sticht.
Dafür Gedichte. Die witzigen Reime, eine frühe, wegweisende Form des Rap, schrieb Ali vor den Kämpfen, und meist kündigte er an, in welcher Runde er den Kampf gewinnen wollte. Das erste stammt von 1962 zum Kampf gegen Archie Moore, Ali war 20 Jahre alt. "Kommt ihr zu dem Kampf, / Verstopft nicht die Gänge, / Verstopft nicht die Tür. Ihr dürft alle nach Hause / nach Runde vier."
Er verhöhnte seine Gegner mit Gedichten, riß unablässig Witze über sie. David Remnick hat es in seinem schönen Buch "King of the World" als Alis Strategie gedeutet, mit der eigenen Angst umzugehen. Über Joe Frazier, seinen wichtigsten Gegner, spottete er so oft und verletzend, daß eine echte Feindschaft entstand. Den Gleichklang Gorilla/Manila verwandte Ali noch lange nach dem Kampf in Manila 1975. Ali entschuldigte sich später, aber Frazier akzeptierte es nicht, grollte, spottete im Fernsehen über Alis Krankheit. Im Buch ist ein Gedicht abgedruckt, eine Abbitte im Balladenton: "Der stumme Krieger". Da heißt es am Ende: "Frazier war kein Mann von vielen Worten /Alis Mundwerk stand nie wirklich still, /Auch er fand seinen Platz in der Geschichte. Nun drückt sein Herz aus, was er sagen will."
Ali erzählt viel vom Islam, der ihn formte. Er zitiert Sufi-Weisheiten. Es ist oft vom Leben die Rede, vom gewaltlosen Weiterleben, von der Kraft der Religion, von Verständnis, vom Verzeihen. Manche Aussagen sind unfreiwillig komisch: "Ich habe gesagt, ich sei der Größte. In Wirklichkeit ist allein Gott der Größte." Seine Tochter hat ein paar Erzählungen beigefügt, die verdächtig nach Heiligenlegenden klingen.
Ali selbst läßt sein Leben Revue passieren, erzählt die alten, oft gut erfundenen Geschichten. Wie er mit zwölf Jahren zum Boxen kam, weil sein Fahrrad geklaut wurde. Wie Sugar Ray Robinson ihn nicht wahrnahm, als der Junge ein Autogramm wollte. Wie er die Olympiamedaille in den Ohio warf, weil ihm auch als goldgekröntem Schwarzen 1960 kein Vanilla-Milkshake serviert wurde. Über seinen Olympia-Auftritt von 1996 schreibt Ali: "Es war schon so lange her, daß ich das Brüllen der Menge im Stadion gehört hatte." Später sitzt er im Hotel und kann die Fackel nicht loslassen.
Was sind die großen Leistungen dieses Mannes? Sicher die triumphale Verkörperung eines neuen, schwarzen Selbstbewußtseins. Und die Verklammerung von Sport und Ästhetik zum popkulturellen Gesamtkunstwerk. Aber auch der Ali-Shuffle gehört dazu: sein Tanz im Ring, diese unübertroffene Mischung aus Leichtfüßigkeit und beharrlicher Kraft. Und das Rope-a-dope, Alis späte Verteidigung in den Seilen, die Verbindung von Technik, Stil, Strategie. Davon ist in "Mit dem Herzen eines Schmetterlings" kaum die Rede.
Wer sich für den Sportler interessiert, nimmt vielleicht doch einen Umweg. Der kanadische Journalist Stephen Brunt hat für sein Buch "Facing Ali" mit 15 seiner Gegner gesprochen. Ihr Andenken, ihre Bedeutung haben die meisten der Boxer nur noch, weil sie gegen Ali gekämpft haben, und so entstehen diese wehmütigen, oft melancholischen und schmerzhaften Geschichten, die das Boxen begleiten. Joe Frazier sitzt verbittert in seinem Gym in Philadelphia. Er fühlt sich verkannt. Während über Ali preisgekrönte Dokumentarfilme und Spielfilme gedreht werden, ein 34 Kilo schweres Buch namens "G.O.A.T." erscheint, wird er, Ex-Weltmeister, Sieger über Ali 1971, mißverstanden, manchmal verachtet. Immer wieder bricht es aus ihm heraus. "Ich bin es so Leid", brummt er am Schluß.
Der Deutsche Jürgen Blin, der gegen Ali in Hamburg 1971 in der siebten Runde k.o. ging, war Schlachtermeister in einer Wurstfabrik. Obwohl Ali untrainiert war, sagt Blin: "Ich wußte, daß ich nicht gewinnen konnte. Na ja, vielleicht wenn Ali über seine Füße gestolpert wäre." In der Woche nach dem Kampf war er wieder in der Wurstfabrik. An seinen späteren Europameistertitel erinnert sich heute niemand mehr, sagt Blin.
Mit Karl Mildenberger ist es ähnlich. In einem grotesken Auftritt versucht sein Manager, Mildenberger zum PR-Objekt zu machen, um eine Biographie zu lancieren. Nach einer Weile stoppt ihn Mildenberger leise: "Es ist mehr als 30 Jahre her."
Seine größten Leistungen, schreibt Ali am Schluß seiner Memoiren, habe er außerhalb des Rings erbracht. Das mag er so sehen. Doch wann immer er in der Öffentlichkeit auftritt, hebt er, mühsam, aber stolz, die Fäuste. Es schmälert sein Werk und sein Nachwirken kaum, wenn man sagt, daß er im Ring noch fabelhafter war.
Muhammad Ali: Mit dem Herzen eines Schmetterlings. Ehrenwirth, Bergisch-Gladbach. 302 S., 18 EUR. Muhammad Ali: Die großen Jahre. Knesebeck, München. 160 S., 29,95 EUR. Stephen Brunt: Facing Ali. Lyons Press, New York. 303 S., ca. 17 $
2004
11. September 2004 | "Botschaft der Box-Legende" | DIE WELT.de
Muhammad Ali kämpft vor dem US-Kongress für mehr Sicherheit und Seriosität in seinem Sport
Washington/Berlin - Die wegweisenden Worte konnte die Legende nicht selbst sprechen, dafür hat ihn seine Krankheit zu sehr mitgenommen. Und dennoch stand Muhammad Ali im Mittelpunkt, als seine Ehefrau Lonnie am Donnerstag die bedeutende Botschaft vor Mitgliedern des US-Kongresses in Washington verlas. Die Gattin des einstigen Weltklasseboxers setzte sich in Vertretung ihres an Parkinson erkrankten Mannes dafür ein, eine Kommission zu gründen, um die Athleten vor Ausbeutungen und Verletzungen zu schonen.
Die als Dachorganisation geplante Einrichtung solle die Sicherheit der Sportler und die Seriosität des Boxens aufrechterhalten. "Reformmaßnahmen werden keinen Erfolg haben, sofern nicht eine Box-Kommmission gegründet wird, die über einen Sport wacht, der durch eine unverhältnismäßige Zahl an unerfreulichen Dingen die Hoffnungen und Träume junger Athleten ausbeutet", erklärte Lonnie Ali. Ihr Mann lauschte stumm den Worten.
Es gäbe immer noch störende Hinweise dafür, fuhr Lonnie Ali fort, dass die Einhaltung der Boxgesetze unschiedlich oder gar nicht existent sei. Das gelte es zu ändern. Bereits vor vier Jahren hatte es auf Initiative Alis umfassende Reformmaßnahmen im Profi-Boxsport wie Gesundheits- und Sicherheitsstandards gegeben, die nun aber nicht mehr ausreichten.
Inwieweit das Ehepaar Muhammad und Lonnie Ali mit der Forderung nach einer stattlichen Einrichtung Gehör findet, ist noch unklar. Immerhin sagte Senator John McCain zu, Präsident George W. Bush wolle eine drei Personen umfassende Kommission ins Leben rufen, die sich mit der Lizenzierung von Boxern, Managern und Promotern befasse. Es werde dann einheitliche Gesundheits- und Sicherheitsstandards geben, eine zentrale medizinische Registrierung und gleiche Ranglistenkriterien sowie Vertragsrichtlinien. Allerdings komme die Anregung des Boxers zu spät, um noch in diesem Haushaltsjahr von der US-Regierung berücksichtigt zu werden.
Die großen Verbände wie WBA und IBF werden bis dahin vermutlich noch einiges unternehmen, um nicht an Einfluss zu verlieren. Schließlich kommt der Vorschlag von einer lebenden Legende, ist mithin äußerst ernst zu nehmen. Wie populär Ali noch immer ist, wurde nach der Anhörung deutlich. Er schrieb Autogramme - für die Kongressmitglieder.
2003
28. November 2003 | "Bambi 2003 für Ali und Heesters" | DIE WELT.de
Mit bewegenden Auftritten von Box-Legende Muhammad Ali und TV-Moderator Kurt Felix ist die diesjährige Bambi-Verleihung in Hamburg über die Bühne gegangen
Hamburg - Bei der glamourösen Gala feierten Prominente wie Kanzler-Ehefrau Doris Schröder-Köpf, die Top-Models Liz Hurley und Heidi Klum, Pop-Produzent Dieter Bohlen sowie Musiker Marius Müller-Westernhagen die Verleihung des traditionsreichen Medienpreises.
Für die größte Überraschung sorgte der bis zum Schluss geheim gehaltene Ehren-Bambi für Schauspieler Johannes Heesters. Das goldene Rehkitz des Münchner Burda-Verlags wurde in 18 Kategorien vergeben. Rund 1000 Gäste kamen ins „Theater im Hafen“.
Der Auftritt des an Parkinson erkrankten einstigen Box-Champions Ali trieb vielen Zuschauern die Tränen in die Augen. Gleich im Anschluss präsentierten die Bambi-Macher den bis zuletzt geheim gehaltenen Überraschungspreisträger Heesters, der am 5. Dezember seinen 100. Geburtstag feiert.
Der „Verstehen Sie Spaß?“-Erfinder Felix, der für sein Lebenswerk geehrt wurde, erhielt die Auszeichnung vom jetzigen Moderator der Show, Frank Elstner. Dieser verkündete die frohe Botschaft des Abends: Der vor Monaten an Krebs erkrankte Felix sei wieder gesund. Nicht nur seiner Frau Paola rollten Tränen über die Wangen, als Felix ihr den Preis „aus Liebe“ widmete.Einer der Ersten, der das goldene Rehkitz in den Händen halten durfte, war Pop-Produzent Dieter Bohlen. Überaus nervös überreichte „Superstar“-Gewinner Alexander die Trophäe. Doch auch der sonst für seine frechen Sprüche bekannte Bohlen gestand, ein bisschen aufgeregt zu sein: „Ich krieg ja nicht jeden Tag einen Preis.“Zu den weiteren Geehrten der von Jörg Pilawa und den No Angels moderierten ARD-Live-Show gehörten Top-Model Heidi Klum, Schauspieler Klaus Maria Brandauer, Deutschlands Fußballweltmeisterinnen, Rad-Profi Jan Ullrich, Rock-Musiker Peter Maffay, die Sängerinnen Dido und Yvonne Catterfeld, der Kino-Hit „Good bye, Lenin!“ sowie der SAT.1-Erfolg „Das Wunder von Lengede“.WELT.de/dpa
2002
17. Januar 2002 | "Zu Besuch bei Muhammad Ali" | DIE WELT.de
Der Boxer kämpft heute vor allem gegen seine Parkinson-Krankheit: "Ich weiß, warum das so gekommen ist. Gott zeigt mir, dass ich verletzlich bin, wie jeder andere auch." von Wolfgang Eichler
Muhammad Ali versucht zu lächeln. Er trägt einen dunkelbraunen Sakko und eine Bundfaltenhose. Um den Hals hat er einen Schal gewickelt. In seiner linken Hand lässt er ein Taschentuch verschwinden. "Hast du gesehen, wie ich's mache?", fragt er stolz.
Wir treffen uns im New Yorker Büro von Harlan J. Werner, er, einer von Alis Agenten, kontrolliert Verträge, sortiert Termine. "Muhammad ist müde, sehr müde", sagt Werner, "nicht länger als eine halbe Stunde."
Ali müht sich. Er wirkt angestrengt vom dicht gedrängten Terminkalender der letzten Wochen: Vertragsunterzeichnung mit Coca-Cola, Auftritt beim Fackellauf für die Olympischen Winterspiele in Salt Lake City, die vorgezogene Geburtstagsparty mit 3300 geladenen Gästen. Die Premiere zum neuen Ali-Film mit Will Smith in der Rolle des berühmtesten Boxers aller Zeiten besuchte er auch.
"Es war wunderbar, ich saß da, sah den Film und war stolz auf mich und mein Leben. Großartig", sagt Ali. Dann braucht er Ruhe. Seine Motorik lässt nach, die Stimme auch. Er schließt die Augen. Lonnie (45), seine vierte Frau, reicht ihm Tee. "Wichtig ist", flüstert sie, "dass Muhammad nie das Gefühl hat, wie ein Patient behandelt zu werden. Er will nicht, dass man ihn bedauert."
"Ich weiß, warum das so gekommen ist", sagt der Mann, den sie den "Größten" rufen, ohne den geringsten Anfall von Selbstmitleid. "Gott zeigt mir, dass ich verletzlich bin wie jeder andere auch, kein Übermensch."
Alle Welt nannte ihn einst "Großmaul" Und er, strotzend vor Selbstvertrauen, ließ sich diesen Spitznamen in zartem Rosa auf seinen Boxmantel sticken. Den Worten ließ er Taten folgen: 1959 gewann er die Goldenen Boxhandschuhe (Golden Gloves) in Chicago, ein Jahr später olympisches Gold in Rom. 1964 tanzte er den mächtigen Sonny Liston aus und krönte sich zum Weltmeister im Schwergewicht. Bilanz der unvergleichlichen Karriere: drei WM-Titel, 24 Titelverteidigungen, insgesamt 56 Siege bei nur fünf Niederlagen. Mehr als 30 Millionen Dollar verdiente er im Ring.
"Ich bin der Größte, der König der Welt", schrie er in die Mikrofone der Fernsehkameras, schnitt Grimassen und degradierte die meisten seiner Gegner zu Statisten. Seine Gedichte vor den Kämpfen trieften vor Eigenliebe.
Eines, das zu seinem 20. Geburtstag, sagt er auf: "Heute ist's an die 20 Jahr, dass der Größte geboren war. In Louisville hörte man das Baby sagen: Ich bin bildhübsch, und keiner wird mich schlagen. Rau wurde seine Stimme, dann jäh: Ich bin so stark wie ein Ochse und doppelt so zäh. Der Name des Helden, laut mag er hallen, ist Cassius Clay, der Größte von allen!"
Er kann diesen Vers immer noch auswendig. Aber nun schmunzelt er über so viel Selbstherrlichkeit: "Sugar Ray Robinson, Joe Louis und Archie Moore - die waren mindestens so gut wie ich. Das waren meine Helden." Dann überlegt er kurz, blickt Lonnie an und versucht zu lächeln: "Ich war hübscher und intelligenter, natürlich."
Vom einstigen Vermögen ist nicht viel geblieben, nur eine Farm in Michigan und ein schwarzer Rolls-Royce. "Man besitzt nichts, ist in diesem Leben nur Treuhänder", sagt der 60-Jährige und macht eine wegwerfende Handbewegung. "Was für mich zählt, ist, ein guter Moslem zu sein. Anderen helfen."
Nur selten sieht er Videos seiner Kämpfe: "Mein bester Kampf war der Thriller von Manila gegen Joe Frazier am 30. September 1975. Mein größter Triumph der Kampf in Kinshasa gegen George Foreman 1974." Gegner aus seiner besten Zeit trifft er selten, am häufigsten noch Ken Norton, gegen den er 1973 verlor. "Ihn sehe ich regelmäßig."
Ali ist mehr als ein Vorzeigekämpfer, vielmehr amerikanischer Mythos. Er war einer der ersten schwarzen Profiboxer, die nicht in den Klauen der Mafia steckten. Er wurde zum Symbol des islamischen Glaubens, zum Symbol für Widerstand und Rassenstolz. 1967 wurde er wegen Wehrdienstverweigerung zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Drei Jahre später wurde das Urteil aufgehoben. Ali kehrte in den Ring zurück und wurde noch zwei Mal Weltmeister. Spätestens da belächelten sie ihn nicht mehr.
Die halbe Stunde ist vorbei. Die Frage nach seiner boxenden Tochter Laila hört der 60 Jahre alte Ali nicht mehr. Oder er will sie nicht hören. Seine Augen fallen zu. Einmal noch wendet er seinen Kopf und sagt lächelnd: "Eines Tages wacht man auf, und es ist das Jüngste Gericht. Ich mach mir wegen der Krankheit keine Sorgen. Mach mir wegen nichts Sorgen. Allah wird mich schützen, das tut er immer."
2001
14. Dezember 2001 | Muhammad Ali ist Star bei Premiere des Films "Ali" | DIE WELT.de
Will Smith spielt den Boxer im Film "Ali". Die Produktion des Films kostete 232 Millionen Mark (118 Mio. Euro)
Los Angeles - Seine Fäuste kann er nicht mehr fest zusammenballen, seine Arme hängen schlaff herunter und sein mächtiges Kinn - einst als "bestes Kinn" der Boxgeschichte ausgezeichnet - zittert durch die schwere Parkinson-Krankheit ohne Unterlass.
Dennoch: Muhammad Ali, der Box-Champion, das Großmaul, das Ausnahmetalent, das größte Ego Amerikas, ist zurückgekehrt - zwar nicht in den Ring, dafür aber ins Kino. Mittwoch wurde der Film "Ali" in Hollywood vorgestellt, schon Ende des Monats wird der Streifen von Regisseur Michael Mann in den USA anlaufen. In dem 232 Millionen Mark (118 Mio. Euro) teuren Kinoknüller geht es um zehn Jahre im Leben Alis, um die Zeit nach 1964, als der Olympiasieger im Schwergewicht zum Islam konvertierte, den Wehrdienst verweigerte und Amerikas Establishment gegen sich aufbrachte.
Die Hauptrolle hat Hollywood-Star Will Smith ("Independence Day") übernommen. Er trainierte für den Film monatelang im Box-Ring, legte mehr als 16 Kilo Muskelmasse zu, um Alis Athletik und die Ästhetik beim Boxen exakt kopieren zu können. Leinwand-Höhepunkt: Der berühmteste Kampf der Boxgeschichte: "Rumble in the jungle" - Alis Fight in Kinshasa gegen George Foreman. Wann der Film in Deutschland gezeigt wird, steht noch nicht fest.
Win
15. September 2001 | "Gott steht nicht hinter Mördern" | Frankfurter Rundschau
Muhammad Ali sieht einen Verrat an seiner Religion / Auch die NFL sagt Spieltag ab
Mit Worten, die er setzte wie einst seine Geraden und Haken, hat sich die Boxlegende Muhammad Ali zu den Terroranschlägen in den USA geäußert. "Wenn die Täter wirklich Moslems waren, haben sie die Lehre des Islams vergewaltigt. Wer immer die terroristischen Attacken gegen die USA unterstützt oder dahinter steht, repräsentiert nicht den Islam. Gott steht nicht hinter Mördern", sagte der Jahrhundert-Sportler, der am 28. Februar 1964 zum Islam übergetreten war. Zugleich forderte er: "Jeder der darin involviert war, muss für die Grausamkeit bezahlen".
"Ich bin ein Moslem. Ich bin ein Amerikaner. Als amerikanischer Moslem möchte ich meine tiefe Trauer und meinen Kummer zum gewaltigen Verlust an Leben ausdrücken", sagte der vom Parkinsonschen Syndrom schwer gezeichnete Ali weiter. Der frühere Box-Weltmeister im Schwergewicht betonte: "Der Islam ist eine Religion des Friedens. Der Islam fördert nicht den Terrorismus oder das Töten von Menschen". Der in Berrien Springs im US-Bundesstaat Michigan lebende Olympiasieger von 1960 könne nicht dasitzen und die Welt denken lassen, dass der Islam eine Religion des Tötens sei. "Es schmerzt mich zu sehen, welche radikalen Menschen das tun im Namen des Islams."
Dass der Sport an den kommenden Tagen pausiert, empfindet auch der 59-Jährige in Ordnung. Die Football-, Baseball-, Basketball-, Eishockey- und Soccer-Ligen haben ihre Meisterschafts- oder Freundschaftsspiele allesamt gestrichen. Gleiches gilt für Golf-Turniere, Box-Kämpfe und die verschiedenen Rennen der Nascar-Serie. "Es braucht keine Wissenschaftler, um herauszufinden, das Sportevents absolut bedeutungslos sind im Vergleich zu dem Ungeheuerlichen, was in New York und Washington passiert ist", sagte der Baseball-Homerun-Rekordhalter Mark McGwire, der damit allen Berufskollegen aus dem Herzen sprach.
"Die Prioritäten setzen an diesem Wochenende tiefe Trauer und Nachdenklichkeit. Es ist die Zeit, sich jenen Familien und Nachbarn zuzuwenden, die bei dem Horror-Akt des Terrorismus verwundet und getötet wurden", begründete NFL-Commissioner Paul Tagliabue die erstmalige Absage einer ganzen Runde außerhalb eines Arbeitskampfes. Ob der zweite Spieltag nachgeholt wird, ist ungewiss.
Die nunmehr sechs abgesagten Spieltage - insgesamt 91 Partien - der Major League Baseball (MLB) sollen auf keinen Fall geopfert werden, sagte Liga-Boss Bud Selig. Die normalerweise am 30. September endende Vorrunde würde um eine Woche verlängert werden.
Die Major League Soccer (MLS) strich hingegen die letzten zehn Partien der am Sonntag auslaufenden Vorrunde ersatzlos und wird kommenden Donnerstag mit den Play-offs beginnen. Das auf Sonntag verlegte Finale um den US Cup im Frauen-Fußball zwischen den USA und China findet ebenfalls nicht mehr statt.
Auch der zu Wochenbeginn mit seinem immer wahrscheinlicher werdenden Comeback für reichlich Gesprächsstoff sorgende Michael Jordan zog Konsequenzen aus der Tragödie. Seine für den nächsten Donnerstag geplante Pressekonferenz hat der Megastar des Basketballs verschoben.
Die Austragung der Ringer-Weltmeisterschaften im freien und griechisch-römischen Stil vom 26. bis 29. September im New Yorker Madison Square Garden wird immer unwahrscheinlicher. Der Weltverband Fila hat alle nationalen Verbände aufgefordert, die Reisevorbereitungen vorerst zu stoppen. Eine Entscheidung wird in den nächsten beiden Tagen erwartet.
Die Finn-Dinghy-WM im Segeln soll dagegen wie geplant am nächsten Freitag in Marblehead im US-Bundesstaat Massachusetts gestartet werden. dpa/sid
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