HILDE-ULRICHS-STIFTUNG FÜR PARKINSONFORSCHUNG | Hilde Ulrichs | Trauerrede
Stadener Kinder nehmen von Hilde letztmals Abschied
Sehr geehrter Herr Terweiden, sehr geehrte Angehörige, verehrte Trauergäste,
Sie sind heute hier zusammengekommen, um sich von einem liebgewonnenen Menschen zu verabschieden. Von einem Menschen, der für viele von Ihnen eine besondere Bedeutung hatte weit über die formalen Verwandschafts - oder Bekanntschaftsverhältnisse hinaus. Von einem Menschen, der für viele von Ihnen zu einem Symbol geworden ist für eine außergewöhnliche Art von Lebensmut und Lebenskraft, wie sie einem nur sehr selten im Leben begegnet. Wir müssen uns von einer Frau verabschieden, die Lebensmut und Lebenskraft bewiesen hat in einer Situation, in der für einen Außenstehenden die Chance auf ein eigenes Leben längst verloren zu sein scheint.
Ein Abschied kann viele Gesichter haben. Die bildende Kunst der letzten Jahrhunderte kann uns da als Anschauungsmaterial, als Katalog gewissermaßen für verschiedene Arten von Abschied dienen. Und manches davon, können wir vielleicht aus unserer eigenen Lebensgeschichte heraus gedanklich nachvollziehen.
Da gibt es den ganz beiläufigen Abschied, über den wir kaum nachdenken, weil wir zu wissen glauben, daß wir in einer Stunde wieder zuhause sind. Da gibt es wehmütige Abschiede von lieben Menschen, von denen uns die Trennung schwerfällt. In meine Vorstellung schleichen sich da z.B. auch Bilder von Frauen, die Ihre Männer mit angsterfüllten Gesichtern in den Krieg verabschieden.
Aber wir kennen vielleicht auch jene Erfahrung, daß wir den Schmerz eines mit Gewißheit auf uns zukommenden Abschiedes schon lange vorher mit uns herumtragen und dann, wenn der Zeitpunkt tatsächlich gekommen ist, feststellen müssen, daß uns gerade dieser schon so lange gefürchtete Moment, durch welche äußeren und inneren Umstände auch immer, viel leichter gemacht wird, als wir zuvor befürchtet hatten. Manchmal kommt es vielleicht einfach nur darauf an, den richtigen Zeitpunkt zu finden.
Es scheint, als habe Hilde Ulrichs, deren Tod uns hier zusammengeführt hat, diesen richtigen Zeitpunkt für ihren Abschied gefunden. Nach einem beispiellosen Leidensweg, der sie in den letzten 2 Jahren immer wieder in akut lebensbedrohliche Situationen brachte, die sie nur gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten überwinden konnte, hat sie nun offenbar einen Weg gefunden, diese Welt im Frieden mit sich selbst zu verlassen, ohne äußere Anzeichen eines Todeskampfes, ohne körperlichen Schmerz oder seelische Bedrängnis.
Ich denke in Anbetracht ihrer Krankheitsgeschichte, sollte dies auch ein Grund für uns sein, mit ihr gemeinsam für die Gnade eines sanften Todes dankbar zu sein.
Hildegard Ulrichs geb. Behrens wurde am 4. November 1933 in Westerade, in Schleswig-Holstein geboren. Sie wuchs dort auf einem kleinen Bauernhof auf, in einem Kreis von fünf Brüdern und einer Schwester, wobei sie die Zweitgeborene und zugleich die älteste Tochter war. In dieser Position wurde sie schon sehr früh zu familiären Pflichten und Arbeiten herangezogen.
Wenn die Erwachsenen mit der Feldarbeit beschäftigt waren, fiel ihr die Aufsicht und Versorgung der jüngeren Geschwister zu. Je älter sie wurde um so mehr mußte sie sich an der schweren landwirtschaftlichen Arbeit beteiligen. Diese Hintergründe in Verbindung mit schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen führten dazu, daß ihre Erinnerungen an die eigene Kindheit kaum positive Gefühle zuließen. Hinzu kam, daß das traditionsbewußte soziale Rollengefüge in der Familie gerade einem Mädchen keinerlei Freiraum für eigene Entscheidungen ließ.
Als sie das entsprechende Alter erreicht hatte, mußte sie feststellen, daß sie nicht nur gegen eine freudlose Gegenwart anzukämpfen hatte, sondern daß sogar ihre weitere Zukunft bereits fest verplant war. Schon als kleines Kind war sie, wie in der Umgebung durchaus üblich, an einen Bauernjungen aus der Nachbarschaft versprochen worden. Solche Verfügungen über die Köpfe der eigenen Kinder hinweg waren damals noch durchaus üblich und erinnern uns vielleicht am ehesten an die frühere Praxis in Fürstenhäusern. Für Hilde selbst war das wohl weniger schmeichelhaft. Sie fühlte sich gedemütigt und entwürdigt. So kam es, daß sie mit 17 Jahren buchstäblich die Flucht ergriff, um sich diesem Konglomerat aus wirtschaftlicher Ausbeutung und patriarchalischer Gewaltherrschaft zu entziehen.
Sie ging zunächst nach Bornhöved, wo sie eine Hauswirtschaftslehre machte und einige Jahre später nach Malente. Dort absolvierte sie eine zusätzliche Lehre im Einzelhandel. Vielleicht waren das ihre glücklichsten Jahre überhaupt. In Malente arbeitete sie in einem Tante-Emma-Laden mit angeschlossener Gastwirtschaft, wo sie sich sehr wohl fühlte.
Im Grunde genommen kam jetzt erst ihre eigentliche Persönlichkeit zum Vorschein. Eine Persönlichkeit, die im Umgang mit anderen Menschen erst so recht aufzublühen begann. Eine Persönlichkeit, der nach der relativen Abgschiedenheit auf dem elterlichen Bauernhof der Umgang mit anderen Menschen erst zum eigentlichen Lebenselixier wurde. Ihre natürliche Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit waren die Basis für ihre Art mit anderen umzugehen. Ihre Beliebtheit bei den Kunden und Gästen ebenso wie bei den Kollegen an ihrem späteren Arbeitsplatz waren die logische Folge ihrer besonderen Charakterzüge.
Es scheint, als habe sie damals in ihrer schweren Jugendzeit schon ein Motto des berühmten deutsch-deutschen Liedermachers Wolf Biermann beherzigt, das er in einem seiner bekanntesten Lieder Jahrzehnte später buchstäblich hinausschreien sollte. "Du laß dich nicht verhärten, in dieser harten Zeit..." Es scheint, als habe sie ihre Seele damals eingemacht, damit sie nicht verdirbt. Eingeweckt in ein Einweckglas oder eine Konservendose, um sie vor den Angriffen und Verwundungen ihrer Umgebung zu schützen. Sie wollte nicht so werden, wie die Umgebung, aus der sie kam. Sie wollte nicht Härte mit Härte vergelten. Sie wollte diesem Schoß aus subtiler persönlicher Gewalt nicht die Chance geben, neue Gewalt zu gebären. Das alttestamentarische Auge um Auge, Zahn um Zahn war für sie keine Lösung und schon gar keine Zukunftsperspektive für das eigene Leben und das Leben ihrer Kinder, von denen sie träumte.
Während dieser schönen Zeit in Bornhöved und Malente lernte Hilde Behrens 1951 auch ihren späteren Mann Klaus Ulrichs kennen, den sie 1960 heiratete und mit dem sie nach Hamburg zog. Dort kam auch 1964 ihr erstes Kind, ihre Tochter Dagmar zur Welt, für deren Betreuung sie damals ihre Arbeit vorübergehend aufgab. Daß diese Tochter nicht als Einzelkind aufwachsen sollte, war für die Verstorbene damals eine Selbstverständlichkeit, die sich wohl aus ihrer eigenen Kindheit erklärt.
Aber gerade in diesem Punkt sollte ihre Leidensfähigkeit und ihre seelische Standfestigkeit schon bald wieder auf die Probe gestellt werden. Eine verfrühte Zwillingsgeburt wenige Jahre später machte ihren Traum von weiteren Kindern mit einem Schlag zunichte. Da etwa zur gleichen Zeit ihr Mann mit einer schweren Herzerkrankung kämpfte, mußte sie sich notgedrungen auf ihre alten Fähigkeiten und Tugenden zurückbesinnen.
Es wurde auch in dieser Zeit zu ihrer Hauptaufgabe, sich selbst und alle anderen zu trösten, depressiven Gemütern Mut zu machen, hängende Köpfe wieder aufzurichten und zum Durchhalten anzuspornen. Es war auch damals schon ihre Aufgabe in die Furchen der Verzweiflung den Keim der Hoffnung zu legen, und in trauernde Augen ein Lächeln zu pflanzen. Diese Fähigkeiten durchziehen ihr Leben wie ein roter Faden und das, was sie in ihrem Leben alles geschaffen und angeschoben hat, ist ohne diese Fähigkeiten nicht denkbar.
Um die wirtschaftliche Existenz der Familie zu sichern, begann sie 1970 wieder zu arbeiten und war seit dieser Zeit im Jahreszeitenverlag in Hamburg tätig. Auch hier kannte man sie bald als einen Menschen, dessen Aktivitäten kaum aufzuhalten waren. Auch hier hat sie manches Neue angestoßen und engagierte sich so aktiv, daß sie schon bald rundum als "Turbo-Hilde" bekannt war. Ihre Anerkennung bei Kolleginnen und Kollegen dokumentiert sich wohl am deutlichsten darin, daß sie jahrelang im Betriebsrat tätig war und in diesem Arbeitsfeld vor allem im sozialen Bereich uneingeschränktes Vertrauen genoß.
Wenn man sich mit dem Leben eines Menschen wie Hilde Ulrichs beschäftigt, so kommt man irgendwann an einen Punkt, wo man erkennt, daß man es eigentlich gar nicht mit einem Leben, sondern im Grunde mit zwei verschiedenen Leben zu tun hat. Das Leben von Hilde Ulrichs, und das mag für viele Menschen mit vergleichbaren Erkrankungen ebenso zutreffen, zerfiel in zwei große Abschnitte.
Das normale Leben, wenn ich es einmal so ausdrücken darf, das Leben vor der Krankheit und das Leben danach. Es gibt ein Leben vor der Diagnose und ein Leben nach der Diagnose. Es gibt ein Leben vor der Krankheit und ein Leben mit der Krankheit. Es gibt ein Leben vor Parkinson und ein Leben mit Parkinson.
Beim Niederschreiben dieser Sätze drängte sich mir ein Vergleich auf, dem nachzugehen ich einige Zeit zögerte, weil er mir zunächst zu gewagt erschien. Aber ich glaube, wenn man sich die letzten Jahre in Hilde Ulrichs Leben anschaut, dann sollte es keine Tabus um zulässige oder unzulässige Formulierungen geben.
Ich mußte an jene Formulierung aus dem theologischen und philosophischen Sprachschatz denken, wenn dort von einem Leben nach dem Tod gesprochen wird. Wenn man von einem Leben vor und nach der Diagnose, von einem Leben vor und nach Parkinson spricht, läßt sich das vergleichen mit dem Leben vor und nach dem Tod? Nein! Natürlich nicht, jedenfalls nicht im vollen Umfang dieser Worte. Und doch hatte ich den Eindruck, daß es da viel mehr Parallelen gibt als nur die äußere Ähnlichkeit der Formulierung.
Als Hilde Ulrichs nach vielen Einzelsymptomen und einer Kette von ärztlichen Eingriffen, nach medizinischen Ausweichmanövern und sprachlicher Vernebelung endlich mit der Diagnose konfrontiert wurde, da wurde der Tod für sie tatsächlich zum ständigen Begleiter, zumindest in ihrem Innern. Da waren zum einen die depressiven Phasen, in denen sie immer wieder darüber nachdachte, sich selbst umzubringen. Da waren die Momente, in denen sie einfach nur dumpf darüber brütete und hoffte, daá es irgendwie möglichst schnell zu Ende gehen möge. Da waren die Phasen, in denen sie dieses Leben, nämlich das Leben mit der Krankheit einfach als nicht mehr lebenswert empfand.
Da waren aber auch die ganz realen kleinen Tode, mit denen sich das Leben, so wie sie es gekannt hatte, von ihr verabschiedete. Da war als äußeres Datum das Herausfallen aus dem Arbeitsprozeß, das Ende ihrer Berustätigkeit. Da war aber vor allem der allmähliche Rückzug dieser Welt aus ihrem privaten, persönlichen Leben. Da war das Nachlassen der Mobilität, die Einschränkung all jener Aktivitäten, die im Mittelpunkt ihres bisherigen Lebens gestanden hatten. Da war aber auch der Rückzug von Geschwistern und Bekannten, die ihre Kontakte zu ihr immer mehr reduzierten. Da war das Erlebenmüssen, daß frühere Arbeitskollegen, für die sie sich in ihrer Betriebsratsarbeit eingesetzt hatte, ihr auf der Straße aus dem Weg gingen, um ihr nicht begegnen zu müssen.
Der deutsche Philosoph Karl Heinrich Waggerl hat einmal gesagt: " Wir sterben viele Tode, solange wir leben, und der letzte ist nicht der bitterste." Hilde Ulrichs mußte in den ersten Jahren ihrer Krankheit erfahren, wie richtig dieser Satz ist, und welche Bedeutung er bekommen kann. Neben den vielen körperlichen Einschränkungen, mit denen sie zurechtkommen mußte, waren diese Erfahrungen des Gemiedenwerdens sicherlich die bittersten. 1992 nach ca. 6 Jahren einer üblichen Krankheitsentwicklung traf Hilde Ulrichs bei einem Klinikaufenthalt in Bad Nauheim auf weitere Parkinson-Patienten, u.a. auch auf Hermann Terweiden, mit dem sie schon bald eine enge Freundschaft verband, und dem es gelang, ihrem Leben, bei aller medizinischer Hoffnungslosigkeit eine neue Richtung zu geben. Dies führte dazu, daß sie nach einem weiteren Kliniksaufenthalt 1993 nicht mehr zu ihrer Familie zurückkehrte, sondern mit ihm zusammen nach Neu-Isenburg ging, wo ein enger Kontakt zu einer weiteren ebenfalls parkinsonkranken Freundin bestand, mit der man zusammen versuchen wollte, in Selbsthilfe das gemeinsame Leben zu meistern. Aus dieser Runde heraus entstand das Projekt "Schneckenhaus", das dann hier in Staden seine ersten konkreten Formen annahm.
Das von mir schon einmal zitierte Wort von Wolf Biermann: "Du laß dich nicht verhärten...", das bekam für sie jetzt eine völlig neue Dimension. Sie, Herr Terweiden, haben am Anfang unseres Vorbereitungsgespräches versucht, mir die Parkinsonsche Krankheit ein wenig zu schildern und zu erklären. Sie haben dabei einen Vergleich gewählt, der etwa so aussah, daß man sich vorstellen müsse, man wirft einen Menschen in flüssigen Beton, und dieser Mensch spürt nun, daß der Beton langsam fest wird. Und je weniger er sich bewegt, je weniger er dagegen tut, desto schneller schreitet dieser Prozeß voran.
Natürlich galt das auch für Hilde Ulrichs, und für sie in ganz besonderem Maße. Deshalb wurde für sie dieses ..."Du laß dich nicht verhärten.." zu einer ganz neuen Lebensaufgabe. Sie mußte erleben, wie dieser Körper, auf den sie immer weniger Einfluß hatte, genau diesem Verhärtungsprozeß ausgesetzt war. Sie mußte erleben, wie dieser Körper sich immer mehr verhärtete, wie er immer unbeweglicher wurde und für sie selbst zu einer Art Gefängnis wurde. Eine zentrale Aufgabe dieser letzten Jahre bestand darin, die Seele diesem Verhärtungsprozeß des Körpers zu entziehen. Die äußere Verhärtung nicht mit einer inneren zu beantworten und von innen heraus immer wieder gegen die äußere Verhärtung anzukämpfen.
Die Aktivitäten des Schneckenhauses halfen ihr, diese Bemühungen in konkrete Formen umzusetzen und sie gaben ihr einen menschlichen Rahmen, in dem sie sich auch ganz persönlich wohlfühlen konnte. Die Söhne ihres neuen Lebenspartners waren für sie, als seien es ihre eigenen. Vielleicht sah sie in Ihnen gedanklich und symbolische jene Jungen, die ihr selbst nicht vergönnt waren. Daneben stand der außergewöhnlich intensive Kontakt zu ihrer Tochter, die ihre Liebe in gleichem Maße erwiderte und sich auch dann noch regelmäßig um sie kümmerte, als die Mutter ins rund 500 km entfernte Florstadt zog.
Ihre letzten drei Lebensjahre waren ein einziger Kampf gegen die Resignation. Ein Kampf gegen die Resignation vor der eigenen Krankheit und ein Kampf gegen die Resignation und Gleichgültigkeit einer Umwelt, in der schwache und kranke Menschen immer mehr als wertlos gelten, als überflüssiger Ballast für die sogenannten sozialen Sicherungssysteme.
Hilde Ulrichs hat dabei ihrem verhärteten Körper alles abverlangt, was zu geben er noch in der Lage war. Aber sie hat auch diesen scheinbar so wertlosen, geschundenen Leib zu ihrer ureigenen Waffe gemacht; zu einer Waffe im Kampf gegen unbewegliche Verwaltungsapparate und unsensible Bürokraten. Sie hat ihre Krankheit als Instrument benutzt in ihrem Kampf für die Rechte chronisch kranker Menschen und hat doch selbst am allerwenigsten davon gehabt. Immer dann, wenn sie irgend etwas durchgesetzt hatte, irgendeine Verbesserung erreicht hatte, dann hatte sie die Krankheit schon wieder um eine Runde überholt.
Es war, als spielte die Krankheit mit ihr das alte Spiel vom Hasen und vom Igel, und immer dann, wenn sie eine bestimmte Wegstrecke bewältigt hatte, wenn sie etwas erreicht hatte, da war die Krankheit schon wieder eine Runde weiter und schrie. "Ick bin allhier..." . Aber auch dann, wenn sie die Früchte ihrer Arbeit nicht mehr in Anspruch nehmen konnte, so wußte sie, daß sie es für andere tat, die es nach ihr vielleicht etwas leichter haben würden.
In dieser Zeit war es für Hilde Ulrichs mehr als nur ein Symbol der Hoffnung, daß es ausgerechnet Kinder und Jugendliche hier aus Staden waren, die für sie den Kontakt zur Außenwelt mit aufrecht erhielten; Kinder und Jugendliche, denen der unbefangene Umgang mit ihrer extremen Behinderung offenbar leichter fiel, als vielen Erwachsenen. Da gab es jene Kinder, die mitunter einfach nur zum gemeinsamen Fernsehen vorbeikamen, oder jene, die beim Bemalen und Ausstatten des Wohncontainers für Sarajevo tatkräftig mithalfen. Diese Kinder gaben ihr den Glauben an eine bessere Zukunft, so wie es in dem Motto ihrer Bosnien-Initiative zum Ausdruck kam: "Together in a peacefull future."
Schon mehrfach in den letzten 2 Jahren schien ihr Kampf gegen die Krankheit verloren. Schon mehrfach hatte sie Situationen überstanden, in denen sie eigentlich schon im Himmel war, wie es in unserem Vorbereitungsgespräch manchmal hieß. Aber immer wieder kämpfte sie um diesen letzten Zipfel Leben um diese letzten Tage, die sie scheinbar als noch nicht gekommen ansah. Und natürlich machten Sie Herr Terweiden, sich Sorgen darüber, wie das alles einmal ausgehen würde. Doch dann kam alles ganz anders. Dieser Abschied, dieser scheinbar so schreckliche Moment traf sie auf ganz andere Weise, als sie erwartet hatten.
Am frühen Morgen des letzten Mittwoch schlief Hilde Ulrichs zwischen Tag und Traum in aller Ruhe ein. Sie, die in den letzten Jahren und auch oft genug in ihrem früheren Leben hatte kämpfen müssen, sie war kampflos gegangen. Ihr Körper wies keine Zeichen einer Gegenwehr oder eines langen Todeskampfes auf, ihr Gesicht war von einem friedvollen Lächeln geprägt.
In seinem Buch der Wendungen schreibt Bertolt Brecht über den Tod: "Me-ti bewunderte die Art, wie unser Freund Ant-se gestorben war. Er hatte sterbend ein paar leichte Algebraaufgaben vorgenommen. über ihre Lösung starb er weg. "Er war entweder schon fertig mit dem Nachdenken über den Tod oder hatte wenigstens entschieden, daß die Frage nicht zu den lösbaren gehört," sagte Me-ti, und als ich ihn fragte, ob es nicht eine seichte Art genannt werden könnte, antwortete er: "Wenn man über den Fluß muß, sucht man gern eine seichte Stelle."
Hilde Ulrichs hat diese seichte Stelle gefunden um auf ihre Art diesen großen Fluß zu überqueren. Dafür und für all das, was sie vielen von Ihnen hier gegeben hat, wollen wir neben aller Trauer auch dankbar sein.
von Herrn Klaus Brandt, Untergasse 11, 63683 ORTENBERG
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