18. Dezember 2005 | "Muhammad Ali mit Friedensmedaille ausgezeichnet" | DIE WELT.de Die Box-Legende wurde für seine Verdienste um Frieden und Völkerverständigung von der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen geehrt
Berlin - Für seine Verdienste um Frieden und Völkerverständigung ist Box-Idol Muhammad Ali als erster Sportler mit der Otto-Hahn-Friedensmedaille in Gold ausgezeichnet worden. Der dreifache Schwergewichts-Weltmeister nahm die Medaille am Samstagabend in Berlin von der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen entgegen und wurde mit stehenden Ovationen gefeiert. Laudator Jan Philipp Reemtsma lobte, Ali habe geholfen, „die Welt besser zu machen“. Anschließend schaute sich Ali den Boxkampf seiner Tochter Laila an.
Er hat seine Schlagkraft verloren, seinen Charme jedoch nicht: Vor 23 Jahren wurde bei Ali Parkinson diagnostiziert, die Krankheit hat die Sportlerlegende sichtlich geschwächt. Bei der Verleihung der Friedensmedaille wurde der 63-Jährige von Helfern auf die Bühne geführt, wo er die Auszeichnung aus den Händen von Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit entgegennahm. Die Dankesrede hielt Alis Ehefrau Lonnie, der Champion verfolgte ihre Ansprache mit gesenktem Kopf. Er selbst spricht schon lange nicht mehr zu Publikum.Die Gäste reagierten sichtbar gerührt auf den Auftritt des Boxers und spendeten minutenlang Applaus. Die Friedensmedaille erhielt Ali für „sein Engagement im Dienste der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung und der weltweiten kulturellen Emanzipation der Schwarzen sowie seinen Einsatz als UN-Friedensbotschafter“. Die Medaille wurde zum zehnten Mal vergeben Die Medaille stiftete Dietrich Hahn in Gedenken an das humanitäre und pazifistische Engagement seines Großvaters, des Physikers und Nobelpreisträgers Otto Hahn. Ali ist der zehnte Träger der Medaille, die vor ihm unter anderem Michail Gorbatschow, Hans Koschnick und Lord Yehudi Menuhin erhielten.
Tosender Applaus brandete auch in der ausverkauften Max-Schmeling-Halle auf, als Ali dort eine Stunde vor Mitternacht eintraf. Die Zuschauer erhoben sich von ihren Plätzen und verfolgten, wie der Boxer in Begleitung seines langjährigen Freundes Howard Bingham und seiner Frau Lonnie mit einem Elektro-Mobil zum Ring gefahren wurde. Begleitet von Box-Promoter Don King und Prominenten-Bodyguard Ahmad Mohammed bahnte sich Ali die letzten Meter zu seinem Sitzplatz. Tochter Laila besiegt Schwedin Sandell Sichtlich begeistert wartete Ali dann auf den Kampf seiner Tochter Laila gegen die Schwedin Asa Maria Sandell, die das Vorprogramm der Schwergewichts-WM bestritten. Der Vater erlebte eine Tochter, die ihm alle Ehre machte. Der Kampf wurde in Runde fünf wegen technischem K.O. abgebrochen, nachdem Sandell viele harte Treffer einstecken mußte: Laila Ali hatte ihren 22. Fight in Folge gewonnen. Rührende Bilder gab es anschließend zu sehen, als Ali seine Tochter stolz an sich drückte.
Der Gewinn der Goldmedaille bei den Olympischen Spielen 1960 hatte Alis Profikarriere eingeläutet. Als er 1981 zurücktrat, hatte er 56 Kämpfe gewonnen - 37 davon durch K.O. - und nur fünf verloren. 1964 trat der Boxer zum Islam über und änderte seinen Namen von Cassius Clay in Muhammad Ali
14. Mai 2005 | "Das Herz eines Boxers kennt mehr als nur eine Liebe" | DIE WELT.de Gott ist größer als der Größte: Was Muhammad Ali auch außerhalb des Rings zur Ikone qualifiziert von Holger Kreitling
Alles an Muhammad Ali drängt zum Exorbitanten. Die Leistung. Die kulturelle Bedeutung. Das globusumspannende Interesse an seiner Person. Die Inszenierung. Und weil wir heute dazu neigen, die Tragik des an Parkinson leidenden Champions zu sehen, muß man vielleicht daran erinnern, daß Ali über lange Jahre ein lustiger, alberner, sehr großspurig auftretender Mensch war. Einer, der für einen Gag seine Großmutter verkaufen würde und deshalb als Sportler zumindest in Deutschland lange nicht für voll genommen wurde - ein bißchen wie der Tennisspieler John McEnroe. Wenn man das Buch "Die großen Jahre" durchblättert, mit Aufnahmen der Magnum-Fotografen, dann tritt einem neben dem selbstbewußten Sportler, der schwarzen Schönheit, der Pop-Ikone vor allem der Komiker Ali entgegen. Eben noch steht er mit nacktem Oberkörper auf einer Mauer und hebt triumphierend die Fäuste, im nächsten Bild springt er herunter, reißt die Augen auf wie ein Clown. Ali lacht. Ali scherzt. Ist sich für keinen visuellen Witz zu schade - auch für die fotografische Wirkung hatte er stets ein hervorragendes Auge. 1966 also besuchte er die Dreharbeiten zu "Das Dreckige Dutzend", Robert Aldrichs Film über Gefangene, die ein Todeskommando im Zweiten Weltkrieg übernehmen, ein Film, der - wie man in "Schlaflos in Seattle" lernen kann - Männer immer zum Weinen bringt. Ali muß sich das alles angeschaut haben, und dann kam ihm eine Biene in die Quere. Und weil Journalisten dabei waren - Journalisten waren immer dabei -, fürchtete er sich arg vor der Biene. Fuchtelte mit den Armen. Verzog das Gesicht. Der Mann, der den Satz "Schweben wie ein Schmetterling, stechen wie eine Biene" berühmt gemacht hat, spielte übertriebene Angst vor dem Wappen-Tierchen. Keine lärmende Presseaktion ohne Ironie. Der Weg vom Zampano zum mythisch umwehten Weisen ist erstaunlich. Im Herbst soll in Louisville, Kentucky, wo der Boxer 1942 als Cassius Marcellus Clay geboren wurde, das Muhammad Ali Center eröffnet werden. Ein internationales Kulturzentrum, Museum, Lehrstätte, die jenseits der Sportgeschichte den Ruhm und die Ideen des Namensgebers weitertragen soll. "Eigentlich wird das Muhammad Ali Center überlebensgroß sein, so wie der Gründer selbst, der Größte." Hier wird es Botschaft en masse geben: In sechs Pavillons sollen unter anderem "Mut, Überzeugung, Freigebigkeit, Spiritualität" dargestellt werden. Das Center möchte für "Respekt, Hoffnung, Verständnis" werben und "Erwachsene und Kinder überall inspirieren, das Beste aus sich zu machen." Dazu gehören keine Jabs und Punches, sondern Konfliktlösungstechniken, Religion und Philosophie. Auf der Internet-Seite "www.alicenter.org" taucht die Biene wieder auf. "Float like a butterfly, sting like a bee" stammt von Bundini Brown, der den jungen Clay seinem Idol Sugar Ray Robinson vorstellte und dann zur Entourage gehörte. Im "Rap Room" der Webseite gibt es die Abteilungen "Bee-n-the-know" und "Bee-n-formed". Überhaupt sollen Kinder wie fleißige Bienen Informationen sammeln, auf Bildung wird großen Wert gelegt. Die Online-Spiele von Muhammad Ali handeln ebenfalls nicht vom Boxen, sondern von Politik, Gesellschaft, Bürgerrechten, Staatenkunde. Wer die richtigen Antworten hat, baut etwa eine Brücke für einen Zug, den "Vielfalts-Express", zusammen. Wenn die Fragen falsch sind, fällt der Zug die Klippe herunter. Diese Mischung aus religiöser Überzeugung, politischer Abgeklärtheit und Sendungsbewußtsein ist für einen Sportler sicher einzigartig. Wäre es glaubhaft, wenn Michael Jordan, Franz Beckenbauer, David Beckham - Beispiele weltweit bekannter Sportler - sich so wie Ali um Bildung kümmerten? Einer der großen Gegner, George Foreman, grinst einem derzeit aus den Haushalts-Prospekten entgegen. Der Boxer reckt die Fäuste für den "George Foreman Grill Mega-Family-Size" hoch. Mit schräg gestellter Grillfläche, damit das Fett abläuft, Antihaft-Beschichtung und regelbarer Temperatur. In der Version "Double Knockout" wird auch noch das Weißbrot warmgehalten. Spätestens seit Ali 1996 das Olympische Feuer in Atlanta anzündete, stehen sein zitternder Körper und das maskenhafte Gesicht für durchgeistigte Friedensbereitschaft, für kontinentübergreifendes Verständnis. Ali trotzt der Krankheit in Würde. Aber er scheint sich dem Tod nahe zu fühlen. Seine letzten Statements sind Nachrufe, Würdigungen von Johannes Paul II. und von Max Schmeling. Und ein warmherziger Text für die Opfer des Tsunami. "Ihr habt nur ein paar Boxkämpfe gesehen und ein bißchen Selbstdarstellung. Nach meinem Rückzug aus dem Boxsport begann für mich erst die wirkliche Arbeit. Jetzt hatte ich die Zeit, meinen Geist zu entwickeln." So beginnt Muhammad Ali seine spirituellen Memoiren. Seine Tochter Hana Yasmeen Ali hat unter dem Titel "Mit dem Herzen eines Schmetterlings" Texte, Notizen, Aphorismen gesammelt. Der Schmetterling ist also da. Aber keine Biene, die sticht. Dafür Gedichte. Die witzigen Reime, eine frühe, wegweisende Form des Rap, schrieb Ali vor den Kämpfen, und meist kündigte er an, in welcher Runde er den Kampf gewinnen wollte. Das erste stammt von 1962 zum Kampf gegen Archie Moore, Ali war 20 Jahre alt. "Kommt ihr zu dem Kampf, / Verstopft nicht die Gänge, / Verstopft nicht die Tür. Ihr dürft alle nach Hause / nach Runde vier." Er verhöhnte seine Gegner mit Gedichten, riß unablässig Witze über sie. David Remnick hat es in seinem schönen Buch "King of the World" als Alis Strategie gedeutet, mit der eigenen Angst umzugehen. Über Joe Frazier, seinen wichtigsten Gegner, spottete er so oft und verletzend, daß eine echte Feindschaft entstand. Den Gleichklang Gorilla/Manila verwandte Ali noch lange nach dem Kampf in Manila 1975. Ali entschuldigte sich später, aber Frazier akzeptierte es nicht, grollte, spottete im Fernsehen über Alis Krankheit. Im Buch ist ein Gedicht abgedruckt, eine Abbitte im Balladenton: "Der stumme Krieger". Da heißt es am Ende: "Frazier war kein Mann von vielen Worten /Alis Mundwerk stand nie wirklich still, /Auch er fand seinen Platz in der Geschichte. Nun drückt sein Herz aus, was er sagen will." Ali erzählt viel vom Islam, der ihn formte. Er zitiert Sufi-Weisheiten. Es ist oft vom Leben die Rede, vom gewaltlosen Weiterleben, von der Kraft der Religion, von Verständnis, vom Verzeihen. Manche Aussagen sind unfreiwillig komisch: "Ich habe gesagt, ich sei der Größte. In Wirklichkeit ist allein Gott der Größte." Seine Tochter hat ein paar Erzählungen beigefügt, die verdächtig nach Heiligenlegenden klingen. Ali selbst läßt sein Leben Revue passieren, erzählt die alten, oft gut erfundenen Geschichten. Wie er mit zwölf Jahren zum Boxen kam, weil sein Fahrrad geklaut wurde. Wie Sugar Ray Robinson ihn nicht wahrnahm, als der Junge ein Autogramm wollte. Wie er die Olympiamedaille in den Ohio warf, weil ihm auch als goldgekröntem Schwarzen 1960 kein Vanilla-Milkshake serviert wurde. Über seinen Olympia-Auftritt von 1996 schreibt Ali: "Es war schon so lange her, daß ich das Brüllen der Menge im Stadion gehört hatte." Später sitzt er im Hotel und kann die Fackel nicht loslassen. Was sind die großen Leistungen dieses Mannes? Sicher die triumphale Verkörperung eines neuen, schwarzen Selbstbewußtseins. Und die Verklammerung von Sport und Ästhetik zum popkulturellen Gesamtkunstwerk. Aber auch der Ali-Shuffle gehört dazu: sein Tanz im Ring, diese unübertroffene Mischung aus Leichtfüßigkeit und beharrlicher Kraft. Und das Rope-a-dope, Alis späte Verteidigung in den Seilen, die Verbindung von Technik, Stil, Strategie. Davon ist in "Mit dem Herzen eines Schmetterlings" kaum die Rede. Wer sich für den Sportler interessiert, nimmt vielleicht doch einen Umweg. Der kanadische Journalist Stephen Brunt hat für sein Buch "Facing Ali" mit 15 seiner Gegner gesprochen. Ihr Andenken, ihre Bedeutung haben die meisten der Boxer nur noch, weil sie gegen Ali gekämpft haben, und so entstehen diese wehmütigen, oft melancholischen und schmerzhaften Geschichten, die das Boxen begleiten. Joe Frazier sitzt verbittert in seinem Gym in Philadelphia. Er fühlt sich verkannt. Während über Ali preisgekrönte Dokumentarfilme und Spielfilme gedreht werden, ein 34 Kilo schweres Buch namens "G.O.A.T." erscheint, wird er, Ex-Weltmeister, Sieger über Ali 1971, mißverstanden, manchmal verachtet. Immer wieder bricht es aus ihm heraus. "Ich bin es so Leid", brummt er am Schluß. Der Deutsche Jürgen Blin, der gegen Ali in Hamburg 1971 in der siebten Runde k.o. ging, war Schlachtermeister in einer Wurstfabrik. Obwohl Ali untrainiert war, sagt Blin: "Ich wußte, daß ich nicht gewinnen konnte. Na ja, vielleicht wenn Ali über seine Füße gestolpert wäre." In der Woche nach dem Kampf war er wieder in der Wurstfabrik. An seinen späteren Europameistertitel erinnert sich heute niemand mehr, sagt Blin. Mit Karl Mildenberger ist es ähnlich. In einem grotesken Auftritt versucht sein Manager, Mildenberger zum PR-Objekt zu machen, um eine Biographie zu lancieren. Nach einer Weile stoppt ihn Mildenberger leise: "Es ist mehr als 30 Jahre her." Seine größten Leistungen, schreibt Ali am Schluß seiner Memoiren, habe er außerhalb des Rings erbracht. Das mag er so sehen. Doch wann immer er in der Öffentlichkeit auftritt, hebt er, mühsam, aber stolz, die Fäuste. Es schmälert sein Werk und sein Nachwirken kaum, wenn man sagt, daß er im Ring noch fabelhafter war.
Muhammad Ali: Mit dem Herzen eines Schmetterlings. Ehrenwirth, Bergisch-Gladbach. 302 S., 18 EUR. Muhammad Ali: Die großen Jahre. Knesebeck, München. 160 S., 29,95 EUR. Stephen Brunt: Facing Ali. Lyons Press, New York. 303 S., ca. 17 $
Ali muß sich das alles angeschaut haben, und dann kam ihm eine Biene in die Quere. Und weil Journalisten dabei waren - Journalisten waren immer dabei -, fürchtete er sich arg vor der Biene. Fuchtelte mit den Armen. Verzog das Gesicht. Der Mann, der den Satz "Schweben wie ein Schmetterling, stechen wie eine Biene" berühmt gemacht hat, spielte übertriebene Angst vor dem Wappen-Tierchen. Keine lärmende Presseaktion ohne Ironie. Der Weg vom Zampano zum mythisch umwehten Weisen ist erstaunlich. Im Herbst soll in Louisville, Kentucky, wo der Boxer 1942 als Cassius Marcellus Clay geboren wurde, das Muhammad Ali Center eröffnet werden. Ein internationales Kulturzentrum, Museum, Lehrstätte, die jenseits der Sportgeschichte den Ruhm und die Ideen des Namensgebers weitertragen soll. "Eigentlich wird das Muhammad Ali Center überlebensgroß sein, so wie der Gründer selbst, der Größte." Hier wird es Botschaft en masse geben: In sechs Pavillons sollen unter anderem "Mut, Überzeugung, Freigebigkeit, Spiritualität" dargestellt werden. Das Center möchte für "Respekt, Hoffnung, Verständnis" werben und "Erwachsene und Kinder überall inspirieren, das Beste aus sich zu machen." Dazu gehören keine Jabs und Punches, sondern Konfliktlösungstechniken, Religion und Philosophie. Auf der Internet-Seite "www.alicenter.org" taucht die Biene wieder auf. "Float like a butterfly, sting like a bee" stammt von Bundini Brown, der den jungen Clay seinem Idol Sugar Ray Robinson vorstellte und dann zur Entourage gehörte. Im "Rap Room" der Webseite gibt es die Abteilungen "Bee-n-the-know" und "Bee-n-formed". Überhaupt sollen Kinder wie fleißige Bienen Informationen sammeln, auf Bildung wird großen Wert gelegt. Die Online-Spiele von Muhammad Ali handeln ebenfalls nicht vom Boxen, sondern von Politik, Gesellschaft, Bürgerrechten, Staatenkunde. Wer die richtigen Antworten hat, baut etwa eine Brücke für einen Zug, den "Vielfalts-Express", zusammen. Wenn die Fragen falsch sind, fällt der Zug die Klippe herunter. Diese Mischung aus religiöser Überzeugung, politischer Abgeklärtheit und Sendungsbewußtsein ist für einen Sportler sicher einzigartig. Wäre es glaubhaft, wenn Michael Jordan, Franz Beckenbauer, David Beckham - Beispiele weltweit bekannter Sportler - sich so wie Ali um Bildung kümmerten? Einer der großen Gegner, George Foreman, grinst einem derzeit aus den Haushalts-Prospekten entgegen. Der Boxer reckt die Fäuste für den "George Foreman Grill Mega-Family-Size" hoch. Mit schräg gestellter Grillfläche, damit das Fett abläuft, Antihaft-Beschichtung und regelbarer Temperatur. In der Version "Double Knockout" wird auch noch das Weißbrot warmgehalten. Spätestens seit Ali 1996 das Olympische Feuer in Atlanta anzündete, stehen sein zitternder Körper und das maskenhafte Gesicht für durchgeistigte Friedensbereitschaft, für kontinentübergreifendes Verständnis. Ali trotzt der Krankheit in Würde. Aber er scheint sich dem Tod nahe zu fühlen. Seine letzten Statements sind Nachrufe, Würdigungen von Johannes Paul II. und von Max Schmeling. Und ein warmherziger Text für die Opfer des Tsunami.
"Ihr habt nur ein paar Boxkämpfe gesehen und ein bißchen Selbstdarstellung. Nach meinem Rückzug aus dem Boxsport begann für mich erst die wirkliche Arbeit. Jetzt hatte ich die Zeit, meinen Geist zu entwickeln." So beginnt Muhammad Ali seine spirituellen Memoiren. Seine Tochter Hana Yasmeen Ali hat unter dem Titel "Mit dem Herzen eines Schmetterlings" Texte, Notizen, Aphorismen gesammelt. Der Schmetterling ist also da. Aber keine Biene, die sticht. Dafür Gedichte. Die witzigen Reime, eine frühe, wegweisende Form des Rap, schrieb Ali vor den Kämpfen, und meist kündigte er an, in welcher Runde er den Kampf gewinnen wollte. Das erste stammt von 1962 zum Kampf gegen Archie Moore, Ali war 20 Jahre alt. "Kommt ihr zu dem Kampf, / Verstopft nicht die Gänge, / Verstopft nicht die Tür. Ihr dürft alle nach Hause / nach Runde vier." Er verhöhnte seine Gegner mit Gedichten, riß unablässig Witze über sie. David Remnick hat es in seinem schönen Buch "King of the World" als Alis Strategie gedeutet, mit der eigenen Angst umzugehen. Über Joe Frazier, seinen wichtigsten Gegner, spottete er so oft und verletzend, daß eine echte Feindschaft entstand. Den Gleichklang Gorilla/Manila verwandte Ali noch lange nach dem Kampf in Manila 1975. Ali entschuldigte sich später, aber Frazier akzeptierte es nicht, grollte, spottete im Fernsehen über Alis Krankheit. Im Buch ist ein Gedicht abgedruckt, eine Abbitte im Balladenton: "Der stumme Krieger". Da heißt es am Ende: "Frazier war kein Mann von vielen Worten /Alis Mundwerk stand nie wirklich still, /Auch er fand seinen Platz in der Geschichte. Nun drückt sein Herz aus, was er sagen will." Ali erzählt viel vom Islam, der ihn formte. Er zitiert Sufi-Weisheiten. Es ist oft vom Leben die Rede, vom gewaltlosen Weiterleben, von der Kraft der Religion, von Verständnis, vom Verzeihen. Manche Aussagen sind unfreiwillig komisch: "Ich habe gesagt, ich sei der Größte. In Wirklichkeit ist allein Gott der Größte." Seine Tochter hat ein paar Erzählungen beigefügt, die verdächtig nach Heiligenlegenden klingen. Ali selbst läßt sein Leben Revue passieren, erzählt die alten, oft gut erfundenen Geschichten. Wie er mit zwölf Jahren zum Boxen kam, weil sein Fahrrad geklaut wurde. Wie Sugar Ray Robinson ihn nicht wahrnahm, als der Junge ein Autogramm wollte. Wie er die Olympiamedaille in den Ohio warf, weil ihm auch als goldgekröntem Schwarzen 1960 kein Vanilla-Milkshake serviert wurde. Über seinen Olympia-Auftritt von 1996 schreibt Ali: "Es war schon so lange her, daß ich das Brüllen der Menge im Stadion gehört hatte." Später sitzt er im Hotel und kann die Fackel nicht loslassen. Was sind die großen Leistungen dieses Mannes? Sicher die triumphale Verkörperung eines neuen, schwarzen Selbstbewußtseins. Und die Verklammerung von Sport und Ästhetik zum popkulturellen Gesamtkunstwerk. Aber auch der Ali-Shuffle gehört dazu: sein Tanz im Ring, diese unübertroffene Mischung aus Leichtfüßigkeit und beharrlicher Kraft. Und das Rope-a-dope, Alis späte Verteidigung in den Seilen, die Verbindung von Technik, Stil, Strategie. Davon ist in "Mit dem Herzen eines Schmetterlings" kaum die Rede. Wer sich für den Sportler interessiert, nimmt vielleicht doch einen Umweg. Der kanadische Journalist Stephen Brunt hat für sein Buch "Facing Ali" mit 15 seiner Gegner gesprochen. Ihr Andenken, ihre Bedeutung haben die meisten der Boxer nur noch, weil sie gegen Ali gekämpft haben, und so entstehen diese wehmütigen, oft melancholischen und schmerzhaften Geschichten, die das Boxen begleiten. Joe Frazier sitzt verbittert in seinem Gym in Philadelphia. Er fühlt sich verkannt. Während über Ali preisgekrönte Dokumentarfilme und Spielfilme gedreht werden, ein 34 Kilo schweres Buch namens "G.O.A.T." erscheint, wird er, Ex-Weltmeister, Sieger über Ali 1971, mißverstanden, manchmal verachtet. Immer wieder bricht es aus ihm heraus. "Ich bin es so Leid", brummt er am Schluß.
Der Deutsche Jürgen Blin, der gegen Ali in Hamburg 1971 in der siebten Runde k.o. ging, war Schlachtermeister in einer Wurstfabrik. Obwohl Ali untrainiert war, sagt Blin: "Ich wußte, daß ich nicht gewinnen konnte. Na ja, vielleicht wenn Ali über seine Füße gestolpert wäre." In der Woche nach dem Kampf war er wieder in der Wurstfabrik. An seinen späteren Europameistertitel erinnert sich heute niemand mehr, sagt Blin. Mit Karl Mildenberger ist es ähnlich. In einem grotesken Auftritt versucht sein Manager, Mildenberger zum PR-Objekt zu machen, um eine Biographie zu lancieren. Nach einer Weile stoppt ihn Mildenberger leise: "Es ist mehr als 30 Jahre her." Seine größten Leistungen, schreibt Ali am Schluß seiner Memoiren, habe er außerhalb des Rings erbracht. Das mag er so sehen. Doch wann immer er in der Öffentlichkeit auftritt, hebt er, mühsam, aber stolz, die Fäuste. Es schmälert sein Werk und sein Nachwirken kaum, wenn man sagt, daß er im Ring noch fabelhafter war.
Muhammad Ali: Mit dem Herzen eines Schmetterlings. Ehrenwirth, Bergisch-Gladbach. 302 S., 18 EUR. Muhammad Ali: Die großen Jahre. Knesebeck, München. 160 S., 29,95 EUR. Stephen Brunt: Facing Ali. Lyons Press, New York. 303 S., ca. 17 $
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17. Januar 2002 | "Zu Besuch bei Muhammad Ali" | DIE WELT.de Der Boxer kämpft heute vor allem gegen seine Parkinson-Krankheit: "Ich weiß, warum das so gekommen ist. Gott zeigt mir, dass ich verletzlich bin, wie jeder andere auch." von Wolfgang Eichler
Muhammad Ali versucht zu lächeln. Er trägt einen dunkelbraunen Sakko und eine Bundfaltenhose. Um den Hals hat er einen Schal gewickelt. In seiner linken Hand lässt er ein Taschentuch verschwinden. "Hast du gesehen, wie ich's mache?", fragt er stolz. Wir treffen uns im New Yorker Büro von Harlan J. Werner, er, einer von Alis Agenten, kontrolliert Verträge, sortiert Termine. "Muhammad ist müde, sehr müde", sagt Werner, "nicht länger als eine halbe Stunde." Ali müht sich. Er wirkt angestrengt vom dicht gedrängten Terminkalender der letzten Wochen: Vertragsunterzeichnung mit Coca-Cola, Auftritt beim Fackellauf für die Olympischen Winterspiele in Salt Lake City, die vorgezogene Geburtstagsparty mit 3300 geladenen Gästen. Die Premiere zum neuen Ali-Film mit Will Smith in der Rolle des berühmtesten Boxers aller Zeiten besuchte er auch. "Es war wunderbar, ich saß da, sah den Film und war stolz auf mich und mein Leben. Großartig", sagt Ali. Dann braucht er Ruhe. Seine Motorik lässt nach, die Stimme auch. Er schließt die Augen. Lonnie (45), seine vierte Frau, reicht ihm Tee. "Wichtig ist", flüstert sie, "dass Muhammad nie das Gefühl hat, wie ein Patient behandelt zu werden. Er will nicht, dass man ihn bedauert." "Ich weiß, warum das so gekommen ist", sagt der Mann, den sie den "Größten" rufen, ohne den geringsten Anfall von Selbstmitleid. "Gott zeigt mir, dass ich verletzlich bin wie jeder andere auch, kein Übermensch." Alle Welt nannte ihn einst "Großmaul" Und er, strotzend vor Selbstvertrauen, ließ sich diesen Spitznamen in zartem Rosa auf seinen Boxmantel sticken. Den Worten ließ er Taten folgen: 1959 gewann er die Goldenen Boxhandschuhe (Golden Gloves) in Chicago, ein Jahr später olympisches Gold in Rom. 1964 tanzte er den mächtigen Sonny Liston aus und krönte sich zum Weltmeister im Schwergewicht. Bilanz der unvergleichlichen Karriere: drei WM-Titel, 24 Titelverteidigungen, insgesamt 56 Siege bei nur fünf Niederlagen. Mehr als 30 Millionen Dollar verdiente er im Ring. "Ich bin der Größte, der König der Welt", schrie er in die Mikrofone der Fernsehkameras, schnitt Grimassen und degradierte die meisten seiner Gegner zu Statisten. Seine Gedichte vor den Kämpfen trieften vor Eigenliebe. Eines, das zu seinem 20. Geburtstag, sagt er auf: "Heute ist's an die 20 Jahr, dass der Größte geboren war. In Louisville hörte man das Baby sagen: Ich bin bildhübsch, und keiner wird mich schlagen. Rau wurde seine Stimme, dann jäh: Ich bin so stark wie ein Ochse und doppelt so zäh. Der Name des Helden, laut mag er hallen, ist Cassius Clay, der Größte von allen!" Er kann diesen Vers immer noch auswendig. Aber nun schmunzelt er über so viel Selbstherrlichkeit: "Sugar Ray Robinson, Joe Louis und Archie Moore - die waren mindestens so gut wie ich. Das waren meine Helden." Dann überlegt er kurz, blickt Lonnie an und versucht zu lächeln: "Ich war hübscher und intelligenter, natürlich." Vom einstigen Vermögen ist nicht viel geblieben, nur eine Farm in Michigan und ein schwarzer Rolls-Royce. "Man besitzt nichts, ist in diesem Leben nur Treuhänder", sagt der 60-Jährige und macht eine wegwerfende Handbewegung. "Was für mich zählt, ist, ein guter Moslem zu sein. Anderen helfen." Nur selten sieht er Videos seiner Kämpfe: "Mein bester Kampf war der Thriller von Manila gegen Joe Frazier am 30. September 1975. Mein größter Triumph der Kampf in Kinshasa gegen George Foreman 1974." Gegner aus seiner besten Zeit trifft er selten, am häufigsten noch Ken Norton, gegen den er 1973 verlor. "Ihn sehe ich regelmäßig." Ali ist mehr als ein Vorzeigekämpfer, vielmehr amerikanischer Mythos. Er war einer der ersten schwarzen Profiboxer, die nicht in den Klauen der Mafia steckten. Er wurde zum Symbol des islamischen Glaubens, zum Symbol für Widerstand und Rassenstolz. 1967 wurde er wegen Wehrdienstverweigerung zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Drei Jahre später wurde das Urteil aufgehoben. Ali kehrte in den Ring zurück und wurde noch zwei Mal Weltmeister. Spätestens da belächelten sie ihn nicht mehr. Die halbe Stunde ist vorbei. Die Frage nach seiner boxenden Tochter Laila hört der 60 Jahre alte Ali nicht mehr. Oder er will sie nicht hören. Seine Augen fallen zu. Einmal noch wendet er seinen Kopf und sagt lächelnd: "Eines Tages wacht man auf, und es ist das Jüngste Gericht. Ich mach mir wegen der Krankheit keine Sorgen. Mach mir wegen nichts Sorgen. Allah wird mich schützen, das tut er immer."
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